Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im Gespräch der wissenschaftliche Nachwuchs im Fokus
Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im Gespräch. Foto: Universität Stuttgart

Studium fertig – und dann? Viele Absolventen entscheiden sich zugunsten attraktiverer Jobs in der Industrie gegen eine Promotion. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer war am 8. Juni zu einer Podiumsdiskussion in Vaihingen um zu erörtern, wie eine universitäre Karriere für den wissenschaftlichen Nachwuchs attraktiver gestaltet werden kann.

Fünf oder sechs Jahre Studium – das klingt lang. Doch die Zeit geht rasend schnell vorbei, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Und schwuppdiwupp steht man vor der Frage, was man denn nun mit dem nagelneu erworbenen Abschluss eigentlich anfangen soll. Natürlich gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten. Für die meisten Studierenden gibt es allerdings erst einmal die grundsätzliche Wahl: Direkter Berufseinstieg oder doch eine Promotion? Im Regelfall (zumindest im Bereich der Ingenieurwissenschaften) fällt die Entscheidung für ersteres. Teilweise liegt das natürlich daran, dass für die Absolventin oder den Absolventen eine Forschungskarriere gar nicht in Betracht kommt oder man zufällig einen Industriejob gefunden hat, der einem so sehr zusagt, dass man ihn schlichtweg nicht ablehnen kann. Für viele spielen aber auch die teilweise sehr unsicheren Bedingungen einer Promotion eine Rolle. Denn immerhin stehen einem dadurch mit Sicherheit erst einmal drei bis sechs Jahr auf einer befristeten Arbeitsstelle bevor, mit der man, je nach Fachgebiet, unter Umständen nur einen Bruchteil dessen verdient, was man mit einem „normalen“ Job bekommen würde. Je nach Art der Promotion ist sogar die soziale Absicherung, sprich Kranken- oder Rentenversicherung eine schwierige Frage. Und dann wäre da noch das Gerücht, dass man als Doktorandin oder Doktorand von geregelten Arbeitszeiten und Feierabend an manchen Instituten nur träumen kann. Und wenn man dann nach der Promotion gerne weiter an einer universitären Karriere arbeiten möchte, steht man vor dem Problem, dass es nur wenige unbefristete Stellen gibt.

Direkter Austausch?

Diese Problematik anzugehen und die Situation für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Baden-Württemberg zu verbessern, ist der Wissenschaftsministerin Theresia Bauer nach eigener Aussage ein großes Anliegen. Um die Ansichten der Universitäten und Hochschulen im Land zu diesem Thema kennen zu lernen, ist eine Reihe von Podiumsdiskussionen geplant, bei der Professoren, Nachwuchs-Wissenschaftler und die Ministerin sich direkt austauschen können. Am 8. Juni war Frau Bauer aus diesem Grund an der Uni Stuttgart zu Gast. Da ich mich kurz vor Ende meines Studiums zwangsläufig mit den oben genannten Fragen auseinander setzen muss, habe ich mir die Sache auch einmal angeschaut. Mit mir saßen über hundert weitere interessierte Menschen im Hörsaal und warteten, was die Diskussion bringen würde. Besonders gespannt war ich auf den versprochenen Austausch mit dem Publikum, der am Ende der Podiumsdiskussion stattfinden sollte. Zu unrecht, wie sich am Ende leider herausstellen sollte. Doch fangen wir erstmal vorne an.

„Langfristige Planungssicherheit für den wissenschaftlichen Nachwuchs ist essentiell“

Zum Auftakt der Veranstaltung unter dem Titel „Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs“ begrüßte Rektor Ressel die Anwesenden, anschließend hielt die Ministerin einen Impulsvortrag zur allgemeinen Einführung in die Thematik. Beide waren sich einig: das Ziel von Universität und Ministerium muss sein, die besten Studierenden und Promovierenden auch längerfristig für eine universitäre Karriere zu begeistern – beispielsweise durch die Einrichtung attraktiverer Postdoc-Stellen und Junior-Professuren, die künftig nach Vorstellung des Rektors nicht mehr ohne Tenure Track vergeben werden sollen. Frau Bauer schloss sich dieser Meinung an: „Die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befinden sich in der Blütezeit ihrer wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit“. Deshalb sei es problematisch, wenn man ausgerechnet dieser wichtigen Gruppe keine attraktiven Stellen anbieten könne, welche aber essentiell wichtig für die Entscheidung für eine universitäre Karriere seien. Einige Maßnahmen zur Verbesserung der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses, die durch das Ministerium in letzter Zeit bereits umgesetzt wurden, stellen bereits einen ersten Schritt in die richtige Richtung dar. Ein Beispiel dafür ist besonders für Studis wichtig, die über eine Promotion nachdenken: Erstverträge sollen künftig nur noch in besonders begründeten Ausnahmefällen mit einer Laufzeit von unter zwei Jahren möglich sein.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im Gespräch der wissenschaftliche Nachwuchs im Fokus
Impulsvortrag der Wissenschaftsministerin zum Veranstaltungsauftakt. Foto: Universität Stuttgart

Im Anschluss an die Worte von Frau Bauer wurde die Diskussion auf dem Podium eröffnet. Teilnehmer waren neben dem Rektor und der Wissenschaftsministerin zwei Professoren, eine Doktorandin, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin mit PostDoc-Stelle und ein Junior-Professor. Die Fragen des Moderators waren grob in drei Themen gegliedert: Die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses während der Promotion, die Situation nach der Promotion und der neue Hochschulfinanzierungsvertrag. Zum Thema „Situation während der Promotion“ wurde unter anderem über verschiedene Formen der Promotion, die Motivation von Promovierenden und die Möglichkeit einer Promotion im Rahmen eines dritten Teilstudiums (ähnlich dem amerikanischen PhD-System) diskutiert. Bei letzterem waren sich alle Beteiligten einig. Frau Hoßfeld (die Doktorandin) brachte es meiner Meinung nach auf den Punkt: „Geht das nicht am Sinn der Promotion vorbei, nämlich dass man in der Promotion freier und wissenschaftlicher forschen soll, als im Studium?“

Im zweiten Teil der Diskussion ging es vor allem um die künftige Ausgestaltung von Postdoc-Stellen und Junior-Professuren. In einem Punkt waren erneut alle Diskussionsteilnehmer einer Meinung: es müssen mehr attraktive Stellen geschaffen werden, um Doktoranden nach Abschluss ihrer Promotion zum weiteren Verfolgen einer wissenschaftlichen Laufbahn zu motivieren. Dazu gehören vor allem langfristige Perspektiven. Im Bezug auf Junior-Professuren bekräftigte Prof. Ressel: „Die Junior-Professur ohne Tenure Track hat keine Zukunft.“ Auch Prof. Helmig vom Institut für Wasser- und Umweltsystemmodellierung sah das ähnlich. Die Phase nach der Promotion sei die größte Schwachstelle des universitären Systems in Deutschland. „Es ist nötig, Verträge zu haben, die den Kandidaten Perspektiven geben“, so Helmig.

Offene Fragen konnte das Publikum dem Ministerium nach der Veranstaltung mitgeben.
Offene Fragen konnte das Publikum dem Ministerium nach der Veranstaltung mitgeben. Foto: privat

Das letzte Thema der Diskussion war der neue Hochschulfinanzierungsvertrag. Hauptsächlich drehte sich das Gespräch darum, was der Sinn der neu geschaffenen Strukturen für die Promotion sein soll. Die Antwort der Ministerin: die Verbesserung der Evaluations-Möglichkeiten durch Schaffung einer umfassenden Datenbasis und damit schlussendlich die Verbesserung der Promotion selbst. Es sei kein Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Universitäten und auch eine zu starke Einmischung des Ministeriums oder gar Sanktionen seien nicht zu befürchten.

Im Anschluss fand die angekündigte Diskussion mit Beteiligung des Publikums statt – für ganze 8 Minuten. Das war eigentlich der Teil der Veranstaltung, von dem ich mir persönlich am meisten versprochen hatte und wegen dem ich dort war. Man merkte dem Publikum durchaus an, dass es vielen anderen ähnlich ging. Eine ganze Reihe von Zuschauern meldete sich zu Wort, leider wurden nur fünf Fragen beantwortet. Und diese auch nur relativ knapp. Dementsprechend war eine leichte Enttäuschung im Publikum spürbar, als um Punkt 20 Uhr die Veranstaltung für beendet und der anschließende Stehempfang für eröffnet erklärt wurde.

Diskussion leider ohne geisteswissenschaftliche Perspektive

Natürlich ist es schwierig, im Rahmen einer solchen öffentlichen Veranstaltung alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Aber einige Dinge fand ich schon sehr schade. Unter anderem fiel mir persönlich negativ auf, dass bei der Diskussion niemand aus dem Universitätsbereich Stadmitte vertreten war, es kamen also mal wieder ausschließlich Stimmen aus dem MINT-Bereich zu Wort. Versteht mich nicht falsch, ich will nicht unterstellen, dass die Organisatoren nicht versucht hätten, jemanden aus der Stadtmitte für die Diskussion zu finden! Ich weiß aus der Studierendenvertretung selbst, dass es manchmal schwierig ist, für solche Sachen überhaupt jemanden zu bekommen. Aber ich fand es in dieser Situation sehr schade. Denn der wissenschaftliche Nachwuchs in den Geisteswissenschaften hat sicherlich eine ganz andere Perspektive auf die Thematik, als beispielsweise ein promovierender Ingenieur. Frau Hoßfeld, die übrigens an einem Institut des Maschinenbaus promoviert, hat die Problematik während der Diskussion sehr gut auf den Punkt gebracht: „Promotion ist nicht gleich Promotion!“ Während Ingenieure, so ihre Aussage, sich in einer „privilegierten Stellung“ befinden und meist eine volle Stelle ihr Eigen nennen, sind es in anderen Bereichen oftmals nur halbe oder gar viertel Stellen, teilweise gibt es sogar zu Beginn einer Promotion nur Hiwi-Verträge.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im Gespräch der wissenschaftliche Nachwuchs im Fokus
Nach der Veranstaltung nahm sich die Ministerin noch einige Minuten Zeit für Gespräche. Foto: Universität Stuttgart

Auch in den Naturwissenschaften sieht es nicht viel besser aus. Dies wurde deutlich, als sich am Ende eine Doktorandin aus dem Publikum zu Wort meldete, die ursprünglich Biologie studiert hat, aber mittlerweile aus finanziellen Gründen an einem Ingenieurs-Institut promoviert. Sie wies darauf hin, dass das Gehalt während einer Promotion in den Naturwissenschaften nicht ausreichend sei, um beispielsweise guten Gewissens Kinder zu bekommen. „Da muss etwas getan werden!“, so ihre Meinung. Dieser schloss sich auch Diskussionsteilnehmerin Frau Buchweitz an, die an der Fakultät Chemie eine Postdoc-Stelle besitzt: „Es kann nicht sein, dass man sich nach Ende eines Studiums nicht leisten kann, eine Familie zu gründen!“ Leider äußerten sich dazu weder die Ministerin, noch der Rektor.

Diskussion mehr Uni-intern, als mit der Ministerin

Generell fand ich es etwas schade, dass sich Frau Bauer zu einem größeren Teil der angesprochenen Themen nicht äußerte. Das mag zeitliche Gründe gehabt haben, doch wenn schon einmal die Chance besteht, ein direktes Gespräch mit der Wissenschaftsministerin zu führen, dann hätte ich mir gewünscht, dass dabei auch ein tatsächlicher Dialog entsteht. Natürlich waren die Standpunkte der verschiedenen Mitglieder der Universität sehr interessant, aber diese haben ja, zumindest in der Theorie, auch sonst die Gelegenheit, sich einmal ausführlich darüber zu unterhalten. Und sie waren sich auch oft einig, dass an verschiedenen Stellen etwas verändert werden muss – nur die finanzielle und rechtliche Grundlage dazu müsste eben durch das Ministerium geschaffen werden. Ich persönlich würde mich über weitere Veranstaltungen wie die Podiumsdiskussion freuen. Dann aber am besten so, dass die geladenen Gäste auch tatsächlich den Diskussionsteilnehmern und auch dem Publikum Rede und Antwort stehen, damit die Zuschauer auch die Antworten erhalten, die sie sich erhofft haben.

Bis zum nächsten Mal!

Annika

 

 

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