(K)ein Alien? – Wie ich mich als Frau in die Ingenieurwissenschaften verirrt habe (Teil 1)

20150414_185153Ein ganz normaler Abend auf einer Party. Man trinkt, man tanzt und lernt neue Leute kennen. Früher oder später entwickelt sich eine angeregte Unterhaltung. Und irgendwann kommt man automatisch auf das Thema zu sprechen: „Und was machst du so, studierst du auch noch?“ „Ja! Elektrotechnik an der Uni Stuttgart.“ „Waaaaaas?“ Mein weibliches Gegenüber schaut mich mit großen Augen an. „Das ist doch bestimmt voll schwierig! Ich mein… so als Frau…“?

Ich kann beim besten Willen nicht mehr abschätzen, wie oft ich diese Situation in meinen mittlerweile 11 Semestern Studium erlebt habe. Ich war mir vor Studenbeginn darüber im Klaren, dass das Studium kein einfaches sein würde und auch darüber, dass ich von den sogenannten „Semesterferien“ durch Prüfungen nicht viel haben würde. Natürlich habe ich erwartet, dass ich eine von nur sehr wenigen Studentinnen in meinem Studiengang sein würde – in meinem Jahrgang lag die Frauenquote bei knapp unter 10 Prozent. Womit ich aber nicht gerechnet habe, waren die permanenten Rechtfertigungen und Erklärungen, warum ich denn „als Frau“ so etwas „exotisches“ studiere.

Der Weg zur Studienwahl

Der erste eigene Computer mit 10 Jahren - etwas ganz besonderes für mich!
Der erste eigene Computer mit 10 Jahren – etwas ganz besonderes für mich!

Wie habe ich mich denn nun in diesen Studiengang verirrt? Eigentlich ganz einfach: es zog mich schon immer irgendwie in diese Richtung. Klar, damals im Kindergarten wollte auch ich Tierärztin werden, genau wie beinahe alle meine Freundinnen. Aber schon in der Grundschule habe ich angefangen, mich für Technik zu interessieren. Wobei ich als Teenager trotzdem noch davon träumte, als Autorin oder Journalistin zu arbeiten – am liebsten im Ausland, denn Sprachen waren (und sind es noch immer) eine meiner großen Leidenschaften. In der Oberstufe kristallisierte sich aber zunehmend heraus, dass ich mich für ein Studium im MINT-Bereich entscheiden würde. Dass es schlussendlich Elektrotechnik und Informationstechnik wurde, habe ich zunächst einmal einem Zufall zu verdanken. Als ich am Unitag im November 2007 in Vaihingen nach der Einführungsveranstaltung einfach mal spontan im Hörsaal sitzen blieb, um mir das nächstbeste anzuschauen, was dort vorgestellt wurde, hörte ich zum ersten Mal etwas von meinem späteren Studiengang. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick, einen anderen Studiengang habe ich mir an diesem Tag gar nicht mehr angeschaut.

Natürlich habe ich mir bis zum Abi noch in Ruhe Gedanken darüber gemacht, ob so ein Ingenieursstudium wirklich das richtige für mich ist. Ich konnte allerdings nichts finden, was wirklich gegen das Verfolgen meiner Interessen sprechen würde. Und, ich geb’s ja ehrlich zu: meine zweite Wahl wäre „irgendetwas mit Sprachen“ gewesen – für mich als Mensch, der tendenziell eher auf Nummer sicher geht, war das zu erwartende Ingenieursgehalt und die versprochene Arbeitsplatzgarantie nach dem Studium dann doch auch ein gewichtiges Argument bei der Entscheidung. Ich würde behaupten, ich habe mir vor dem Studium genau die gleichen oder zumindest ähnliche Gedanken gemacht, wie viele meiner männlichen Kommilitonen – und die fragt seltsamerweise keiner, ob sie sich vorher überlegt haben, ob sie „als Mann“ für ein Ingenieursstudium geeignet sind. Generell wird, meiner Erfahrung nach, die Wahl eines technischen Studiengangs bei Jungs normalerweise nicht hinterfragt – sie ist gesellschaftlich schlichtweg akzeptiert. Und bei uns Mädels?

IMG_4385
Beim Löten im Studentenlabor – die langen Haare können da schon mal stören…

Die Frage nach der Akzeptanz finde ich wirklich interessant. Ich arbeite schon seit Beginn meines Studiums in der Fachschaft mit und habe über die Jahre dadurch auch mit diversen Journalisten über meinen Studiengang gesprochen. Oft habe ausgerechnet ich das getan, weil sie lieber eines der wenigen weiblichen Exemplare unter den Studenten interviewen wollten – man will ja über etwas besonderes schreiben. Und beinahe jedes Mal wurde ich gefragt, ob ich denn von Professoren oder meinen Studienkollegen „so als Frau“ von Anfang an akzeptiert wurde. Meine Antwort darauf war jedes Mal die gleiche: Ja, auf jeden Fall! Ich habe tatsächlich nicht auch nur ein einziges Mal das Gefühl gehabt, von meinen Kommilitonen, von Mitarbeitern oder Professoren irgendwie anders behandelt zu werden – schon gar nicht in negativem Sinne. Es kam auch nie vor, dass jemand meine fachliche Eignung angezweifelt hat. Wäre ich nicht so unheimlich oft mit derartigen Fragen konfrontiert worden, hätte ich wohl nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, ob mir mein Geschlecht irgendwelche Nachteile im Studium verschafft hat.

Frauen und Technik – in Deutschland eher ungewöhnlich

Uni-Stuttgart
Studentinnen sind im Hörsaal eher die Ausnahme. Copyright: Universität Stuttgart

Ich persönlich habe eher das Gefühl, dass die Akzeptanz gegenüber mir als Elektrotechnik-Studentin nur außerhalb meines Studienfachs nicht sonderlich groß ist. Frauen in technischen Berufen werden in Deutschland generell noch als Ausnahme betrachtet, obwohl sie in anderen Ländern längst zum Alltagsbild gehören. Oft wird auch suggeriert, dass die wenigen, die sich für ein Ingenieursstudium entscheiden, entweder die „ganz besonders schlauen“ Schülerinnen oder „Streberinnen“ seien. Das finde ich extrem schade. Denn so gibt man eventuell auch der einen oder anderen Schülerin, die sich für einen technischen Studiengang interessiert, das Gefühl, dass sie durch dieses Interesse „komisch“ oder gar unnormal ist. Oder man schürt die Angst, dass man als durchschnittliche Schülerin eh „zu blöd“ ist, um das Studium zu schaffen – obwohl viele der männlichen Studenten zu Schulzeiten natürlich auch  nicht nur Einser hatten und es trotzdem packen. Und ich bin mir sicher, dass sich dadurch einige potentiell großartige Ingenieurinnen abschrecken lassen. Ein Glück war mein Umfeld damals nicht so, sonst hätte ich vielleicht auch eine andere Entscheidung getroffen. Und ich habe meine Wahl definitiv nicht bereut!

Tja, die Frage, wie ich zur Elektrotechnik gefunden habe, wäre also soweit geklärt und auch, dass ich mich innerhalb meines Studiengangs in Puncto fachliche Fähigkeiten durchaus als gleichwertig akzeptiert empfinde. Gewöhnungsbedürftig war der Alltag in der Männerwelt des Studiums am Anfang aber trotzdem. Warum? Das erfahrt ihr demnächst im zweiten Teil des Artikels.

Annika

 
Zum Thema gibt es auch ein YouTube-Video im Kanal der Uni Stuttgart:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.