Prokrastination im Studium: Diagnose akute Aufschieberitis

Die Deadline ist beinahe abgelaufen – was tun?
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„Verschieben wir’s doch auf morgen!“ lautet ein berühmtes Filmzitat aus dem Klassiker Vom Winde verweht. Der Abgabetermin der nächsten zwei Hausarbeiten naht, auf dem Schreibtisch stapeln sich ungelesene Briefe, Telefone müssten geführt und Absprachen für Gruppenreferate getroffen werden. Typisch Studium, könnte man meinen. Aber während das Aufschieben unangenehmer Tätigkeiten den meisten Menschen bekannt vorkommt – denn Hand aufs Herz, wer kümmert sich gerne um Unangenehmes? – handelt es sich bei Prokrastination um eine pathologische Form des Aufschiebens, die zu ernsthaften Problemen führen kann. Privat, beruflich – und natürlich auch gerade im Studium.

An manchen Tagen ist einfach der Wurm drin. Das Wetter ist zu schlecht (oder zu gut), um sich an den Schreibtisch zu setzen, der dringend benötigte Kaffee- oder Teevorrat ist aufgebraucht, die letzte Nacht hat man ohnehin kaum geschlafen und im Bett ist es einfach am gemütlichsten. Ergo: Netflix oder irgendeinen anderen Streaming-Dienst anwerfen und dem Nichtstun frönen. Doch wann verschwimmt die Grenze zwischen „gesundem“ Erholen durch Nichtstun und Prokrastination? Und wann wird es kritisch?

Prokrastination ungleich Faulheit ungleich Lustlosigkeit

„Was machst du gerade?“, schreibt Anna. „Prokrastinieren“, antwortet ihr bester Freund Marcus. Was er meint: Er tut gerade nichts, zumindest nichts fürs Studium. Und daran ist erst einmal nichts Pathologisches. Menschen tendieren nun einmal häufig dazu, unangenehme (und manchmal auch angenehme) Dinge aufzuschieben, weil sie Energie erfordern, die zunächst einmal mobilisiert werden muss. Etwa Sport, der nachweislich positive Effekte auf unsere Psyche hat, zu dem man sich allerdings oft erst aufraffen muss, weil die Endorphine nicht unmittelbar ausgeschüttet werden, sondern meist mit einer zeitlichen Verzögerung.

Aufschieben ist per se nichts Schlechtes und den meisten von uns aus dem eigenen Alltag bekannt. Das für sich alleine genommen ist also in der Regel unproblematisch. Problematisch wird es erst, wenn zum einen ein beträchtlicher Leidensdruck entsteht und/oder zum anderen wichtige Lebensbereiche vernachlässigt werden, wenn etwa Termine versäumt, Fristen nicht eingehalten werden und daraus ernsthafte Konsequenzen resultieren: Mahnungen infolge unbezahlter Rechnungen, Verlängerung des Studiums durch aufgeschobene Hausarbeiten/Klausuren bis hin zur Exmatrikulation. Wenn jemand seine Aufgaben eigentlich gerne erledigen würde oder erledigt hätte (denn unser Gehirn belohnt uns in der Regel dafür), es aber partout nicht tut bzw. nicht tun kann – auch und gerade, wenn davon einiges abhängt – fällt das unter Prokrastinieren. Und von diesem Zustand sprechen wir.

Was ist Prokrastination?

Die Online-Enzyklopädie aus den Wissenschaften Psychologie und Pädagogik definiert Prokrastination wie folgt:

Prokrastination ist die Tendenz von Menschen, zu erledigende Aufgaben ständig aufzuschieben. Das Aufschieben von Tätigkeiten ist dabei ein Alltagsphänomen und den meisten Menschen bekannt, denn in einer Studie gaben nur 2% der Menschen an, niemals aufzuschieben. Prokrastination ist psychologisch betrachtet eine Störung der Selbststeuerung, bei der wichtige und dringende Arbeiten aufgeschoben und stattdessen Ersatzhandlungen wie Hausarbeit getätigt werden. (Stangl, 2019)

Warum Aufschieben nicht gleich Prokrastinieren bedeutet.
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Sämtliche Alarmglocken sollten also dann schrillen, wenn wichtige und dringende Arbeiten verschleppt werden und Ersatzhandlungen an ihre Stelle treten. Das können neben Dingen wie dem Haushalt auch stundenlanges Surfen im Internet, exzessives Serien-, Filme- oder Videoschauen oder sämtliche anderen Tätigkeiten sein, die nichts mit den besagten Aufgaben zu tun haben: Kurzum alles, was dazu dient, sich nicht mit den eigentlichen Dinge zu befassen, die gerade auf der Prioritätenliste ganz weit oben stehen sollten.

Und dieses Vermeiden, Aufschieben und Verschleppen von Aufgaben zieht früher oder später ernsthafte Konsequenzen nach sich.

Mögliche Ursachen

Chronisches bzw. pathologisches Aufschieben ist kein Schicksal, sondern zunächst einmal ein Verhalten. Und das Gute an Verhalten ist, dass es sich in der Regel ändern lässt. Dafür gilt es zunächst einmal festzustellen, ob ihr ein grundsätzliches Problem damit habt, Dinge anzufangen (oder zu beenden) – und in einem weiteren Schritt zu eruieren, welche Ursache hinter diesem Verhalten steckt.

Mögliche Ursachen können sein:

  • Versagensangst und/oder Angst vor Kritik
  • Fehlende Struktur und/oder fehlende Organisationsstrategien
  • Subjektive (aber auch objektive) Überforderung bzw. (Über-) Belastung
  • Schritte zur Zielerreichung sind unbekannt und/oder zu groß
  • Aufgabe wird als sehr unangenehm erlebt

Eine monokausale Erklärung – d. h. das Aufschieben lässt sich auf einen einzigen Faktor ursächlich zurückführen – ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist das Zusammenwirken mehrerer Faktoren. Ihr müsst allerdings nicht zwangsläufig bis auf den Grund der Ursache vorstoßen, um etwas gegen das Aufschieben zu unternehmen. Einige erste Ideen helfen bereits, um an der Problematik anzusetzen und sie allmählich zu verändern.

Strategien gegen Prokrastination

Schluss mit Prokrastination!
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Was also könnt ihr tun, wenn ihr feststellt, dass ihr zum Aufschieben neigt? Das hängt zum einen vom Schweregrad und zum anderen von eurem Leidensdruck ab. Einige Strategien – angelehnt an die Empfehlungen der Prokrastinationsambulanz der Universität Münster – stelle ich euch im Folgenden vor.

1. Ursachenforschung betreiben

Was bedeutet das konkret? Es geht in gewisser Hinsicht um einen Mix aus Forscher*in und Detektiv*in: Ihr beginnt, euch selbst zu beobachten und dabei ein Muster herauszuarbeiten. Welche Dinge sind es, die ihr vor euch herschiebt? „Alle“, werdet ihr vielleicht sagen, aber das trifft meiner Erfahrung nach in den seltensten Fällen zu. Versucht deshalb, genau hinzusehen und die Gemeinsamkeiten der aufgeschobenen Aufgaben herauszufinden. Sind es beispielsweise Leistungen, die abgerufen werden müssen (Studienleistungen, Leistungen im Beruf)? Geht es in erster Linie um Dinge, die mit Behörden zu tun haben? Weicht ihr Rechnungen aus? Die Liste könnt ihr beliebig erweitern.

2. Ehrliche Bilanz ziehen

Hand aufs Herz: Hatte das Aufschieben bislang spürbare Konsequenzen für euch – außer dem vermutlich steigenden Druck angesichts der verstreichenden Zeit? Hat sich beispielsweise euer Studium wegen aufgeschobener Leistungen (etwas, moderat oder massiv) verlängert? Zahlt ihr (oder habt ihr in der Vergangenheit) regelmäßig Mahngebühren (gezahlt), weil ihr Rechnungen nicht unmittelbar begleicht? Geht ihr bestimmten Situationen aus dem Weg, in denen ihr mit den aufgeschobenen Aufgaben konfrontiert werdet? Wie sehr belastet euch dieser Umstand bzw. wie hoch ist euer Leidensdruck?

Wenn nein: Fühlt ihr euch trotzdem belastet, solltet ihr ein Beratungsgespräch in Anspruch nehmen, um dem Ganzen weiter auf den Grund zu gehen und Strategien einzuüben, die euch das Erledigen von (unangenehmen) Aufgaben erleichtern.

Wenn ja: In diesem Fall ist ein Beratungsgespräch dringend angeraten, insbesondere, wenn die Folgen eures Aufschiebens schwerwiegend sind bzw. sein können – etwa Exmatrikulation, Jobverlust, Wohnungskündigung. Hilfe in Anspruch zu nehmen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke!

3. Verhaltensänderung in Angriff nehmen

Ob alleine, mit Unterstützung aus dem Freundeskreis oder der Familie – oder auch mit professioneller Begleitung: Es wird Zeit, der Aufschieberei den Kampf anzusagen. Das kann damit beginnen, dass ihr euch hinsetzt und überlegt, in welche Dinge ihr überhaupt Energie investieren wollt. Unser Körper kann lediglich für eine begrenzte Zeit genug Energie mobilisieren, die uns durch belastende und/oder stressige Zeiten trägt, aber auch der beste und vollste Akku geht irgendwann einmal zur Neige, wenn er nicht zwischendurch wieder aufgeladen wird. Vielleicht geht ihr gerade tatsächlich auf dem Zahnfleisch und benötigt eine dringende Pause – und das Prokrastinieren scheint euch dabei zu helfen.

Das Paradoxe ist jedoch: Wer prokrastiniert, fühlt sich häufig unter Druck, weil im Hinterkopf die Gedanken um die aufgeschobene Aufgabe(n) kreisen. Wirkliche Entspannung sieht anders aus: Beispielsweise in der Lage zu sein, sich bewusst eine Erholungspause zu genehmigen, ohne währenddessen unter einem schlechten Gewissen zu leiden. Sich eine Auszeit zu gönnen, um (wieder) Kraft zu tanken und dann ausgeruht weiterzumachen. Jetzt denkt ihr womöglich, dass ihr das Verhalten lassen würdet, wenn ihr es könntet – aber ihr könnt es einfach nicht. Umso wichtiger ist es dann, dass ihr euch jemanden ins Boot holt, der/die euch begleitet und berät, wenn nötig anschubst und unterstützt.

Bin ich betroffen? Selbsttest zur Prokrastination

Ihr habt euch in einigen Aussagen wiedergefunden und überlegt, ob ihr betroffen seid? Die Universität Münster bietet auf ihrer Homepage die Möglichkeit zum Selbsttest an, bei dem ihr eine Rückmeldung zu eurem aufschiebenden Verhalten erhaltet, sofern ihr den Fragebogen ehrlich beantwortet. Und wie immer, wenn ihr euch Sorgen macht – sei es, um die Auswirkungen auf euer Studium, euer persönliches Wohlbefinden und/oder beides – möchte ich euch auf die Zentrale Studienberatung (ZSB) der Universität Stuttgart, die Fachstudienberatung und auf die Psychotherapeutische Beratung des Studierendenwerks Stuttgart verweisen. Alle drei sind je nach Anliegen hilfreiche Anlaufstellen, die euch bei euren Problemen und Fragen gerne weiterhelfen.

Weitere Artikel: Sorgen und Probleme im und rund ums Studium

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Euch beschäftigen noch andere Themen, die hier zu kurz gekommen sind? Weitere Artikel zum Thema Sorgen und Probleme im und rund ums Studium findet ihr unter den den folgenden Links:

Lesetipp: Ein Interview zum Thema Prokrastination findet ihr außerdem bei Die Zeit Online: „Durchatmen, und los geht’s“

Ich wünsche euch alles Gute!

Romy

Quellen: lexikon.stangl.eu, Zeit.de

Liebt Literatur und Psychologie. Hat einen Master in Germanistik und studiert Psychologie im Zweitstudium, um beide Leidenschaften zu vereinen. "Das Leben ist wert, gelebt zu werden, sagt die Kunst, die schönste Verführerin; das Leben ist wert, erkannt zu werden, sagt die Wissenschaft." (F. W. Nietzsche)

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