Eine LED-beleuchtete Aufstellertafel zeigt in bunten Buchstaben "Nobody is perfect".

Perfektionismus - oder warum weniger manchmal mehr ist

Perfektionismus kann vor allem in voll bepackten Prüfungsphasen zu übermäßigem Leistungsdruck und enormem Stress führen. Warum weniger doch mehr sein kann und warum Perfektionismus in unserer Gesellschaft eigentlich kein erstrebenswertes Ziel sein sollte.

Wir befinden uns schon wieder in einer Prüfungsphase an der Uni Stuttgart des Sommersemesters. Erstis, die gestern ihr Studium begonnen haben und vorgestern noch ihr Abi in der Hand hielten, sind schon zu einem Drittel mit dem Bachelor durch. Man hat es schon wieder nicht geschafft, jede Vorlesung konsequent nachzuarbeiten, jede Übung vorzubereiten, naja, was halt so zum Studentenleben dazugehört. Bachelorarbeiten liegen in den letzten Zügen, manche mit Erfolg und Erkenntnissen, andere noch im panischen Daten-Sammeln. Die Masterstudenten sind irgendwo zwischen „Warum habe ich das nochmal gemacht?“ und „Okay, jetzt wird’s ernst“. Und mittendrin die Frage: Wie geht man in dieser Zeit mit Perfektionismus um?

Eine junge Frau hält sich einen Stapel Bücher vor das Gesicht.
Wieder nicht alles geschafft, was man sich vorgenommen hat. Perfektionist*innen nehmen sich zu viel vor - die Lösung: realistisch planen.

Was bedeutet Perfektionismus?

Google wirft nüchtern „übertriebenes Streben nach Perfektion“ aus. Die AOK wird noch genauer: „Perfektionismus beschreibt das Streben nach Fehlerlosigkeit und das Setzen extrem hoher Standards an sich selbst und an andere.“ Klingt erstmal gar nicht so schlimm, bis man merkt, dass diese hohen Standards nie erreicht werden können.

Hier kommen auch „die Anderen“ ins Spiel. Perfektionistische Menschen sind oft unfähig, Aufgaben abzugeben, weil sie das Gefühl haben, nur sie selbst könnten es „richtig“ machen. Damit macht man sich das Leben schwer. Denn Fehler gehören zum Lernen. Eigentlich sollte es im Studium genau darum gehen: ausprobieren, scheitern, wieder aufstehen. Fehlerkultur statt Selbstgeißelung.

Improvisieren zu müssen ist schlecht. Improvisieren zu können ist gut.

Der übermäßige Perfektionismus und das ständige Bedürfnis nach Struktur führen dazu, dass wir nicht mehr ohne können. Wir verlernen, oder erlernen gar nicht erst, was es heißt zu improvisieren. Dabei ist Improvisation enorm wichtig. Zu oft werden wir mit Situationen konfrontiert, auf die wir nicht vorbereitet sind, und dann muss man reagieren können. Wer sich während des Studiums hinter starren Strukturen versteckt, jede Prüfung bis ins letzte Detail plant und sich nie mit dieser inneren Panik auseinandersetzt, die einen plötzlich lähmt, der lernt auch nicht, in solchen Momenten handlungsfähig zu bleiben. Perfektionismus kann also unsere Fähigkeit zu improvisieren regelrecht blockieren.

Warum denke ich, dass ich alles perfekt machen muss?

Tja, warum eigentlich? Viele Gründe sind tief in uns verwurzelt. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Gute Noten = guter Job = gutes Leben. Zumindest wird uns das so verkauft. Aber jeder, der mal erlebt hat, dass der Job am Ende doch an den „gut vernetzten Kommilitonen“ ging, weiß, Leistung allein ist nicht alles. Networking, Kontakte und manchmal auch einfach Glück spielen mindestens genauso eine Rolle.

Dazu kommt Social Media. Dort sehen wir täglich, wie scheinbar alle anderen ein perfektes Leben führen. 1,0 im Studium, Marathon nebenbei, gesunde Bowls zum Frühstück, und natürlich immer ein strahlendes Lächeln im Sonnenuntergang. Kein Wunder, dass man das Gefühl hat, selbst nicht genug zu sein.

Strategien für weniger Stress im Studium

Die gute Nachricht: Es gibt Wege, sich vom Perfektionsdruck ein Stück weit zu befreien, auch (oder gerade) in der Prüfungsphase.

  • Früher beginnen: klingt banal, aber selbst ein kleiner Startschuss eine Woche früher spart Nerven.
  • Sich gut strukturieren: realistische To-do Listen (also wirklich realistisch!) sind Gold wert.
  • Puffertage einplanen: damit nicht schon eine Erkältung oder ein verschobener Termin den Plan sprengt.
  • Routine und Ausgleich finden: sei es Sport, Freunde, Kochen oder einfach mal ein Mittagsschlaf.
  • Fehler erlauben: statt „alles oder nichts“ lieber „gut genug“. Manchmal reicht eine 3,0 völlig.
Die Hände einer Person tippen auf einer Laptoptastatur. Der Schreibtisch ist überladen mit Notizen und bunten Klebezetteln.
Nur so viel vornehmen wie zu schaffen ist - eine realistische Planung kann helfen, sich vom Perfektionismus loszusagen.

Geht perfekt und wollen wir das überhaupt?

Perfekt heißt fehlerlos. Aber Ehrlich, wer will schon fehlerlos sein? Fehlerlos klingt nach Roboter, nicht nach Mensch. Das Leben ist bunt, nichtlinear, oft chaotisch und genau darin liegt doch das Schöne. Unberechenbar zu sein, Entscheidungen zu treffen, die objektiv vielleicht nicht optimal sind, die sich aber richtig anfühlen, das ist zutiefst menschlich. Wir leben in einer Zeit, in der sich Künstliche Intelligenz rasant weiterentwickelt. Wenn wir es da nicht einmal schaffen, unsere Menschlichkeit zu zelebrieren und stolz auf unsere Imperfektionen zu sein, was bleibt uns dann noch als Abgrenzung?

Wenn andere Dinge zu kurz kommen

Perfektionismus frisst Zeit. Wer immer alles perfekt machen will, merkt schnell, dass ihm die Zeit für das wahrlich wichtige im Leben nicht reicht. Freunde, Familie, Freizeit, all das kommt zu kurz. Die Frage ist, will man am Ende des Studiums nur auf Noten zurückschauen? Oder auch auf Nächte, die man mit Freunden durchgelacht hat, auf Reisen, spontane Abenteuer und kleine Erfolge, die nichts mit Uni zu tun haben?

Warum weniger manchmal mehr ist

Perfektionismus ist wie der überladene Einkaufswagen im Supermarkt: Man nimmt zu viel mit, braucht die Hälfte nicht und ärgert sich an der Kasse über den Preis. Weniger Ballast heißt, mehr Leichtigkeit, auch in der Prüfungsphase.

Und falls das jetzt nach einem Ratgeber klingt, ich schreibe diesen Artikel zur Stressbewältigung gerade ein paar Tage vor meinen eigenen Prüfungen. Wenn das nicht die Peak jeglicher Prokrastination ist, weiß ich auch nicht. Aber hey, wenigstens nicht perfekt. Und genau das ist manchmal das Beste, was man sein kann.

Marina

Kommentare

Joline

10. September 2025 17:58 Uhr

Das ist ein Text, der vermutlich vielen Studis aus der Seele spricht. Der ständige Perfekrionismus und das Vergleichen macht einem das Leben auch nur stressiger als es sein muss. Schon in der Schule vergleicht man sich früh über die Noten und social Media verstäkt den Drang Perfekt zu sein oft ganz unterbewusst. Danke, dass Sie das angesprochen haben, ich denke über dieses Vergleichen und den Selbstdruck macht man sich oft nicht genug Gedanken. Toller Artikel!

Anne

5. September 2025 14:45 Uhr

Ein super treffender Text! Gerade in der Prüfungsphase fühlt man den Perfektionsdruck besonders stark und oft blockiert er mehr, als dass er hilft. Der Vergleich mit dem überladenen Einkaufswagen ist genial: Weniger ist manchmal wirklich mehr. Danke für die ehrliche Erinnerung daran, dass “gut genug” absolut ausreicht!

Chahed

9. September 2025 15:37

Ein genialer Treffender Text. Ich fühlte mich als Stundentin voll angesprochen. Manche Sätze haben mich sehr berührt, als ob sie auf mich zugeschnitten wären. Statt "alles oder nichts"einfach "gut genug".
Diesen Satz würde mir bei jeder Prüfung in der Zukunft im Kopf behalten. Der Vergleich mit überladen Supermarkt finde ich hervorragend. Vielen Dank für die Positive Energie,die Sie in diesem Artikel geschafft haben, auszustrahlen und ich freue mich sehr auf dem nächsten Artikel. 

Carol

9. September 2025 23:55

The “Gute Noten = guter Job = gutes Leben” mantra really resonated with me. For many, this idea is repeated throughout life without ever questioning the deeper foundations of what makes a good life. life isn’t just about landing a great job, much less about getting “fat stacks”. I know someone whos doing well academically and has positioned themselves for a good career start, but has let other aspects of life slip by due to their circumstances, which has led them deeply unhappy and dissatisfied.
The lesson I’m trying to draw here isn’t a cautious warning against ambition, but a call to be honest with oneself. It’s easy for this person to focus on their career because, for them, that’s the path of least resistance (hehe, electro banter). Some things you can’t really fix, only mend in time. And in contrast there’s only so far you can push yourself academically before leaving the people and moments you truly value behind.
I find the text hightlights this pretty well, just not from the side of things, which I´m more familiar with.

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