Als Erste*r an die Uni

Erfahrungen teilen, wenn die Eltern keine Akademiker sind. Und damit anderen Unterstützung bieten.

Mentor*innen der Initiative ArbeiterKind.de unterstützen Studieninteressierte und Studierende der „First Generation“ mit ihren persönlichen Erfahrungen und begleiten vor und während dem Studium bis zum Berufseinstieg. Im Interview erklärt Mentor Yannis Salteris was ArbeiterKind.de ausmacht und was Studieninteressierte und Studierende der „ersten Generation“ beschäftigt.

Yannis Salteris hat an der Hochschule Darmstadt allgemeinen Maschinenbau studiert. Aktuell ist er Masterand im Bereich Werkstoff- und Produktionstechnik an der Universität Stuttgart. Als Erster in seiner Familie der studiert, kennt er die Sorgen und Nöte, die studieninteressierte Schüler*innen und Studierende haben, die nicht aus einem Akademikerhaushalt stammen. Auf ArbeiterKind.de wurde er erst spät im Studium aufmerksam und hätte sich auch jemanden gewünscht, der ihm beim Weg, zum und durch das Studium mit Rat und Tat zur Seite steht. Das motiviert ihn heute, anderen dabei zu helfen, sich im Studium zurechtzufinden.

 

Yannis Salteris
Yannis Salteris

Sie sind ein First Generation Student. Ein Studierender, der als Erste*r aus seiner Familie studiert. Neben dem Studium engagieren sich ehrenamtlich als Mentor bei ArbeiterKind.de. Wie sieht Ihre Tätigkeit als Mentor aus und helfen Ihnen Ihre eigenen Erfahrungen bei Ihrem ehrenamtlichen Engagement?

Die Tätigkeiten bei ArbeiterKind.de sind recht vielfältig. Wir haben viele lokale Gruppen - auch in Baden-Württemberg. Zurzeit sind wir in der Lokalgruppe Stuttgart über zwanzig aktive Ehrenamtliche. Ich bin ich für Veranstaltungen an Schulen und Universitäten mit zuständig. Wir versuchen, mit Schulen und Universitäten in Kontakt zu kommen, uns auszutauschen, unser Angebot vorzustellen und gemeinsam mit den Einrichtungen Veranstaltungen zu planen, um Schüler*innen und Studierenden zu zeigen, dass wir für sie da sind und mit welchen Problemen sie auf uns zukommen können.

Intern verwalte ich in einem Team ein Postfach, über das alle Anfragen zu Veranstaltungen und organisatorischen Themen reinkommen. Es ist aber auch der Hauptkanal über den Hilfesuchende ihre spezifischen Fragen stellen. Wenn Hilfesuchende sich mit einem Problem an uns wenden, dann suchen wir die passende Person, die einen ähnlichen Hintergrund hat und stellen den Kontakt her, damit das Eins-zu-eins-Mentoring stattfinden kann. Natürlich beantworten wir Fragen von Ratsuchenden auch direkt.

Es gibt zahlreiche Beratungsstellen rund ums Studium. Warum ist es dennoch wichtig, Mentoring für Schüler*innen und Studierende, die als Erste in Ihrer Familie studieren, zu betreiben? 

Es gibt natürlich viele Beratungsstellen von Arbeitsämtern, in Schulen oder an Hochschulen. Was uns unterscheidet ist, dass wir eine bestimmte Lebenssituation durchlebt haben. Dass wir alle keine Akademikereltern oder häufig auch keine älteren Geschwister haben, die studiert haben.

Das Hauptprinzip beim Mentoring durch ArbeiterKind.de ist unsere eigene Erfahrung. Wir sollen quasi als Vorbilder fungieren und zeigen: „Wir haben es auch geschafft und kennen eure Situation. Wir kennen die Probleme, Ängste und Sorgen von Schülern und Studierenden, die aus einem ähnlichen Umfeld kommen.

Ein sicherer Raum für Fragen

ArbeiterKind.de soll so etwas wie ein sicherer Raum für die Fragen und Probleme von Hilfesuchenden sein, die in speziellen Situationen sind. Die Hemmschwelle auf uns zuzukommen soll dadurch niedriger sein. Wir stellen den Kontakt zu jemandem her, der das selbst durchgemacht hat und sich selbst die Fragen gestellt hat, die sich Kinder von Akademiker*innen oft nicht stellen müssen. Deswegen ist es ein wichtiges Angebot zusätzlich zu weiteren Beratungsangeboten.

Was sind typische Themen, die studieninteressierte Schüler*innen und Studierende, die sich an Sie wenden, beschäftigen?

Studienfinanzierung ist wirklich das Hauptthema. Hier kommen auch sehr spezifische Fragen, zu einer bestimmten Lebenssituation auf, die den Leuten Sorgen macht und Ängste bereitet, weil sie nicht wissen, ob es für sie spezielle Angebote gibt. Das Thema geht oft damit einher, dass es finanziell zuhause auch nicht einfach ist. Das heißt natürlich nicht, dass man immer finanzielle Probleme hat, wenn man nicht aus einem akademischen Haushalt kommt, aber es gibt eine starke Tendenz.

Neben der Finanzierung spielt die Angst vor Schulden in die Entscheidung rein, ob man studieren soll. Wenn man bedenkt, dass man das ganze Studium durch BAföG finanziert, ist das schon eine höhere Summe an Schulden, die man dann am Ende mit aus dem Studium nimmt. Bei Schülerinnen und Schülern gibt es auch oft die Frage: „Welche Hochschulform ist für mich geeignet?“

Bei Studierenden geht es oft um Auslandsstudien und damit einhergehende Stipendien. Es gibt es sehr viele Fragen dazu, wie man das organisatorisch bewerkstelligen oder finanzieren kann. Oder auch wie man an Praktika kommt oder an Werkstudentenjobs. Die Hürde ist, dass Unternehmen in ihren Ausschreibungen etliche Qualifikationen erwarten und viele sich denken, sie haben keine Verbindungen und fragen sich, wie sie an eine gute Stelle kommen sollen. Da gibt es große Hemmungen, sich überhaupt zu bewerben. Hier geben wir nicht nur fachlichen, sondern auch viel emotionalen Support und sagen: „Versuche es über diese Plattform oder jenen Weg aber das Wichtigste ist, dass Du dich einfach traust und den Mut hast.“ Das geben wir den Leuten auf den Weg und dafür sind sie auch immer sehr dankbar.

Was sind die größten Hürden für Studieninteressierte und Studierende, die nicht aus einem akademischen Umfeld stammen, ein Studium aufzunehmen oder auch abzuschließen?

Hier gibt es zwei Bereiche: zum einen die Unsicherheit, wie es überhaupt mit dem Studieren funktioniert. Wenn man das nicht von jemandem vorgelebt bekommt, hat man kaum einen Überblick darüber. Natürlich kann man sich einlesen und es gibt Beratungen dazu. Was das aber wirklich für eine Auswirkung darauf hat, wie man studiert und was man nach seinem Studium macht oder wo man hinwill, dafür hat man in recht jungen Jahren noch nicht den Blick und muss erst mal lernen, damit umzugehen.

Ein Mann sitzt allein im Publikum
Wie schafft man das Studium ohne jemanden mit Erfahrung an seiner Seite?

Zum anderen, wie gesagt, die größte Unsicherheit: Wie soll man ein Studium finanzieren? Die Leute haben Angst vor Schulden. Viele unterstützen auch ihre Eltern finanziell. Das gibt es nicht selten und birgt eine große Unsicherheit, ob man überhaupt ein Studium aufnehmen oder auch zu Ende bringen soll. Wenn diese Unsicherheiten schon da sind und dann kommt eine Durststrecke oder eine schwierige Phase im Studium  - die wahrscheinlich jeder kennt - dann wird es immer schwieriger, das Studium abzuschließen. Ein großer Punkt ist noch, ob man es überhaupt schafft ohne jemanden mit Erfahrung und Fachkompetenz an seiner Seite. Also ohne, dass zum Bespiel mein Vater mir beispielsweise helfen könnte bei Mathe oder sonstigen Themen, weil er etwas Ähnliches studiert hat.

Ohne Auffangnetz

Was noch oft dazu kommt, dass man kein Auffangnetz hat. Wenn Eltern finanziell nicht gut aufgestellt sind und selbst gerade so über die Runden kommen und man im Studium merkt das ist nichts für einen oder dass, man das Studium nicht schaffen sollte. Dann kann man nicht einfach wieder nach Hause ziehen und sich erst mal wieder sortieren, weil man seinen Eltern nicht zur Last fallen will und auch nicht kann.

Was würden Sie Studieninteressierten und Studienanfänger*innen, die als Erste in Ihrer Familie ein Hochschulstudium anstreben, mit auf den Weg geben?

Ich würde ihnen persönlich mit auf den Weg geben, dass sie es wie eine Investition in ihre Zukunft sehen sollen. Man bekommt durch ein Studium tendenziell spannendere Aufgaben, man ist in einem spannenden Umfeld, schon im Studium, danach auch, wenn es um irgendwelche Praktika und Werkstudentenjob geht. Danach hat man viele Möglichkeiten sich nach seinen Interessen breit aufzustellen und mit interessanten Leuten zu arbeiten, zu studieren und auch zu leben.

Man sollte es als Herausforderung sehen. Für mich war es die beste Entscheidung und die beste Zeit des Lebens, weil man einfach so viele neue Menschen, neue Erfahrungen und Lebensperspektiven kennen und schätzen lernt. Man hat dadurch einen ganz anderen Blick auf die Welt als wenn man immer in seinem Umfeld bleibt und nichts Neues wagt.

Probleme oder Hürden tauchen bei uns allen auf. Die tauchen auch bei Akademikerkindern auf. Sie haben genauso ihre Probleme. Wenn ihr also Fragen oder Probleme und Sorgen habt, dann kommt auf uns zu, denn dafür sind wir da!

Sandra

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