Mehr als 16 Prozent: Was Frauen in MINT-Fächern wirklich brauchen

Frauen in MINT-Fächern und -Berufen stoßen noch immer auf unsichtbare Hürden. Der Blogartikel zeigt anhand der Erfahrungen von Prof. Miriam Schulte und mehreren Studentinnen, welche Strukturen Frauen ausbremsen und welche Unterstützung sie wirklich stärkt.

Mit einem Anteil von rund 16 Prozent sind Frauen in MINT-Berufen nach wie vor stark unterrepräsentiert. Welche Hürden Frauen dabei überwinden müssen und was wir tun können, um sie besser zu unterstützen, beleuchte ich in diesem Blogartikel.

Dafür habe ich mit Prof. Dr. Miriam Schulte vom Institut für Verteilte und Parallele Systeme über ihren Weg in die Wissenschaft und die damit verbundenen Herausforderungen gesprochen. Sie ist seit 2013 Professorin für Simulation großer Systeme im Fachbereich Informatik an der Universität Stuttgart. Um weitere Perspektiven einzuholen, habe ich zudem mit mehreren MINT-Studentinnen aus meinem Umfeld gesprochen.

Welche Hürden begegnen Frauen im MINT-Bereich?

Auf ihrem Weg in die Wissenschaft musste Miriam Schulte einige Herausforderungen meistern, insbesondere in einem stark männerdominierten Umfeld. Als erste Doktorandin an ihrem Lehrstuhl der TU München, wo sie in Informatik zur Simulation biologischer Abwasserreinigung promovierte, traf sie häufig auf männliche Kollegen, die es nicht gewohnt waren, in einem Arbeitsumfeld mit Kolleginnen zusammenzuarbeiten. Auch stereotypisierende oder geschlechterdiskriminierende Bemerkungen, die Schulte bis heute erlebt, zeugen von einem fehlenden Bewusstsein hinsichtlich der Herausforderungen, die Frauen tagtäglich in männerdominierten Feldern erleben.

Darüber hinaus tragen vorherrschende Gesellschaftsstrukturen dazu bei, dass es nach wie vor strukturelle Hürden gibt, die Frauen auf ihrem Karriereweg bewältigen müssen. Bei Schulte hat sich das besonders durch den „Mental Load“ der Doppelbelastung gezeigt: Einerseits hat sie viel Zeit und Energie in ihre wissenschaftliche Karriere gesteckt, andererseits hat sie viel Verantwortung für Familie und Privatleben übernommen. Sie hat außerdem beobachtet, dass viele junge Wissenschaftlerinnen zögern, Unterstützung einzufordern, während männliche Nachwuchswissenschaftler in vielen Fällen nicht davor zurückschrecken.

Auch MINT-Studentinnen erleben bereits im Studium ähnliche Hürden. Einige Studentinnen, mit denen ich spreche, erzählen mir, dass es öfters Situationen in ihrem Studium gab, in denen sie sich allein oder nicht zugehörig gefühlt haben - beispielsweise in Gruppenarbeiten mit ausschließlich männlichen Kommilitonen, in denen sie das Gefühl hatten, aus Versehen übergangen zu werden oder mit ihren Ideen und Beiträgen nicht ernst genommen zu werden. Häufig entstehe dabei das Gefühl, sich besonders beweisen zu müssen. Fehlende Vorbilder erschweren zusätzlich die Vorstellung, welche beruflichen Perspektiven erreichbar sind. Die Erzählungen der anderen Studentinnen decken sich mit meiner Erfahrung, dass der Studienbeginn und die ersten Semester oft von Selbstzweifeln begleitet sind.

Wie können wir Frauen im MINT-Bereich besser unterstützen?

Im weiteren Gespräch diskutieren wir, wie sich die Bedingungen für Frauen verbessern lassen. Schulte betont, dass sie viel Unterstützung aus ihrem persönlichen Umfeld erfahren hat; auch ihr Doktorvater und andere Betreuer hatten stets ein offenes Ohr für sie. Um mehr Bewusstsein zu schaffen, sieht sie verpflichtende Schulungen zu „subconscious bias“ an Universitäten und Arbeitsplätzen als wirkungsvolles Mittel, um Diskriminierung zu verringern.

Für Studentinnen sieht sie insbesondere in Mentoring-Programmen einen großen Mehrwert, da diese ihnen die Möglichkeit bieten, sich bei Zweifeln oder Fragen an andere erfahrene Frauen zu wenden. Auch schon einen Schritt früher, etwa in Schulen und Kindergärten, sollte darauf geachtet werden, dass MINT-Inhalte allen Kindern und Jugendlichen gleichermaßen zugänglich gemacht werden.

Für Frauen, die neben ihrer Karriere Verantwortung für Kinder oder andere Familienmitglieder übernehmen, kann Unterstützung in Form von Kinderbetreuung oder flexiblen Teilzeitmodellen eine deutliche Entlastung bedeuten. Auch bei der Gestaltung von Stellenausschreibungen, so betont sie, sollte darauf geachtet werden, weniger technisierte Formulierungen zu verwenden und stattdessen den Bezug zur realen Anwendung stärker hervorzuheben, um die Attraktivität der Stellen für alle potenziellen Bewerber*innen - insbesondere für Frauen – zu erhöhen. Personen in Verantwortungspositionen (z.B. Betreuer von Doktorandinnen) können außerdem proaktiv Hilfe anbieten, um Studentinnen zu ermutigen, sich bei Problemen und Herausforderungen an sie zu wenden.

Schulte beobachtet insgesamt positive Entwicklungen: Die Bedingungen für Frauen hätten sich verbessert und insgesamt sei der Anteil an Frauen im MINT-Bereich angestiegen.

Vernetzung und Sichtbarkeit

Auch die Studentinnen sehen Vernetzung und Sichtbarkeit als zentrale Faktoren. Besonders hilfreich seien Veranstaltungen zu Beginn des Studiums, die gezielt den Austausch unter Studentinnen fördern, wie etwa die Ladies Night im Fachbereich Informatik der Universität Stuttgart. Auch im weiteren Verlauf des Studiums würden sich die Studentinnen mehr Gelegenheiten wünschen, um von anderen Studentinnen zu lernen und sich gegenseitig zu stärken. Auch die Möglichkeit, Einblicke in die Erfahrungen älterer Studentinnen oder bereits berufstätiger Role Models zu erhalten (z.B. im Rahmen von Mentoring-Programmen) könne dabei helfen, Ideen für den eigenen Karriereweg zu entwickeln und das Vertrauen in die eigenen Interessen und Fähigkeiten zu stärken.

Die Studentinnen berichten außerdem, dass sie sich eine größere Sichtbarkeit von Frauen in MINT-Berufen wünschen, um zu sehen, dass es andere Frauen gibt, die vor einigen Jahren an der gleichen Stelle standen wie sie heute. Darüber hinaus bieten Werkstudierendenjobs oder Praktika eine wertvolle Gelegenheit, erste berufliche Erfahrungen zu sammeln und im eigenen Können bestätigt zu werden.

Ratschläge für junge Frauen mit Interesse an MINT

Ich beende das Gespräch mit der Frage, welche Ratschläge die Professorin jungen Frauen geben würde, die gerade überlegen, ein MINT-Fach zu studieren oder vielleicht schon mittendrin sind und mit Zweifeln kämpfen.

Aus ihrer Erfahrung, erzählt Schulte, entstehen solche Zweifel an der Studienwahl oder den eigenen Fähigkeiten häufig durch den Vergleich mit anderen. Sie hat oft beobachtet, dass insbesondere Studentinnen ihr Können unterschätzen und das Gefühl haben, sich stärker beweisen zu müssen als ihre männlichen Kommilitonen. In solchen Momenten, so Schulte, hilft es, mit anderen Personen (z.B. Kommiliton*innen oder Mentor*innen) zu sprechen, um Feedback zu erhalten und die eigenen Fähigkeiten realistischer einzuschätzen.

Zudem rät sie, mehr Gelassenheit zu entwickeln, sich nicht mehr abzuverlangen als allen anderen im Umfeld und sich Dinge zuzutrauen, wenn man Freude daran hat. Abschließend gibt sie mir mit auf den Weg, dass sich Studentinnen nie von Vorurteilen abhalten lassen sollten und dass es enorm wertvoll sein kann, gemeinsam mit anderen Frauen Netzwerke zu bilden, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Anietta

 

Kommentare

31. Dezember 2025 10:17 Uhr

Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Beitrag. Ich finde es großartig, wie Sie die Erfahrungen von Professor Schulte mit den Perspektiven der Studentinnen kombiniert haben, da dies deutlich die strukturellen Hindernisse verdeutlicht, mit denen Frauen in MINT-Fächern nach wie vor konfrontiert sind. Die Betonung von Mentoring, Networking und sichtbaren Vorbildern zeigt, wie wichtig unterstützende Strukturen für den Aufbau von Selbstvertrauen und die Schaffung dauerhafter Veränderungen sind.

Jani

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