Desinformation und fundierte Meinungsbildung

Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Prof. André Bächtiger.

In einer Zeit, in der die politische Meinungsbildung zunehmend in sozialen Medien stattfindet, ist die Sensibilisierung für Desinformation von entscheidender Bedeutung. Ich habe mich mit dem Politikwissenschaftler André Bächtiger vom Institut für Sozialwissenschaften unterhalten, der zu deliberativer Demokratie und politischer Kommunikation forscht. Wir haben darüber gesprochen, weshalb sich Desinformationen so rasant verbreiten, welchen Einfluss sie auf den politischen Diskurs nehmen und wie Studierende strukturiert vorgehen können, um sich fundiert zu informieren.

In Abgrenzung zur Fehlinformation – der unbeabsichtigten Verbreitung falscher Inhalte, etwa aus Unwissenheit – handelt es sich bei Desinformation um gezielt verbreitete, irreführende Inhalte. Diese werden mit der Absicht geteilt, zu täuschen, zu manipulieren, zu schaden oder Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen zu schüren. Dazu zählen etwa frei erfundene Inhalte, manipulierte Bilder, Deepfakes sowie gefälschte Zitate oder Statistiken.

 

Prof. Bächtiger
Warum verbreiten sich Falschinformationen so schnell? Prof. Bächtiger zeigt, wie psychologische Effekte, soziale Medien und politische Kommunikation zusammenwirken.

Was ist Desinformation und wie verbreitet sie sich?

Bächtiger erklärt, dass Desinformationen oftmals schneller gestreut werden als korrekte Fakten, da Menschen psychologisch dazu prädisponiert sind, solche emotionalen Informationen weiterzugeben. Die „Plattformisierung“ durch soziale Medien verstärkt diesen Effekt, da sie es jedem erlaubt, Inhalte ungefiltert zu teilen. Hinsichtlich der sozialen Medien war die ursprüngliche Hoffnung gewesen, dass diese eine Demokratisierung des Diskurses ermöglichen würden; gleichzeitig bieten sie jedoch durch niedrige Barrieren Raum für gezielte Manipulation. Obwohl sich der Mythos der „Filterblasen“ laut Bächtiger wissenschaftlich so nicht belegen lässt, schlagen Algorithmen dennoch bevorzugt Inhalte vor, die zum bisherigen Interaktionsverhalten passen.

Darüber hinaus berichtet die Bundeszentrale für politische Bildung, dass Desinformation auch dann große Verbreitung erfahren kann, wenn sie von Massenmedien reproduziert wird – etwa, wenn Politiker*innen in Interviews falsche Informationen angeben. Prominente Akteure könnten so erheblich zur Normalisierung von Falschmeldungen beitragen. Zudem sei zu beobachten, dass Anhänger*innen radikaler Gruppierungen gezielt nach Desinformationen suchen, um ihre eigenen Narrative zu stützen.

 

Auf die Frage nach besonders anfälligen Themenfeldern erklärt Bächtiger, dass vor allem polarisierende aktuelle Themen als Nährboden fungieren. Gezielte Kampagnen zu Komplexen wie der Corona-Pandemie oder Migration können dazu genutzt werden, die Gesellschaft zu spalten und Menschen in bestimmte politische Richtungen zu lenken.

Wie kann man Desinformation erkennen?

Desinformation zeichnet sich oft durch eine hochgradig emotionale Sprache oder reißerische Formulierungen aus. Informationen, die zweifelhaft oder widersprüchlich erscheinen, sollten stets überprüft werden, bevor man sie teilt.

  • Professionelle Faktenchecks: Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder unabhängiger Organisationen (z. B. correctiv.org, hoaxmap.org, hoaxsearch.com) sind hilfreiche Werkzeuge, um Desinformation zu entlarven.
  • Quellenprüfung: Absender*in oder Urheber*in, die dahinterstehende Absicht und Zielgruppe kritisch hinterfragen (z. B. Blick ins Impressum einer Website oder auf das Autorenprofil).
  • Verschiedene Quellen: Bei Unsicherheit sollten weitere, seriöse Quellen zum Vergleich herangezogen werden.
  • Bilder-Rückwärtssuche: Über Suchmaschinen lässt sich die URL oder Bilddatei prüfen, um den ursprünglichen Kontext und den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung zu finden.

Was ist wichtig, um sich eine wissenschaftlich fundierte Meinung bilden zu können?

Laut Bächtiger ist eine robuste diskursive Infrastruktur, in Form von öffentlich-rechtlichen Medien oder Qualitätsmedien (z. B. DIE ZEIT, FAZ), eine unverzichtbare Grundlage. Diese Medien bereiten diverse Informationen so auf, dass Bürgerinnen und Bürger die Basis erhalten, über Themen reflektiert nachzudenken. Für Bächtiger ist dabei entscheidend, zwischen verschiedenen Arten von Debatten zu unterscheiden: Während Wertedebatten offen ausdiskutiert werden müssen, gibt es bei Themen wie dem Klimawandel klare wissenschaftliche Fakten. Offensichtliche Falschinformationen dürfen hier von Personen in Verantwortungspositionen nicht verbreitet werden. Darüber hinaus betont er die Wichtigkeit einer frühen Medienkompetenz und Sensibilisierung hinsichtlich der Auswirkungen von Desinformationen, um einen verantwortungsvollen Umgang mit Falschinformationen zu erlernen.

Informationen der Bundesregierung

Was macht eine gute politische Debatte aus?

Bächtiger forscht zu qualitativ hochwertigem Diskurs. Die Basis einer guten Debatte bilden aus seiner Perspektive Respekt, Inklusivität, Kooperation und die Abwesenheit von manipulativer Desinformation. Wichtig sei es, einander als  Menschen zu respektieren, auch wenn man in der Sache völlig gegensätzlicher Meinung ist. Diese „minimale Zivilität“ kann gewahrt werden, indem man das Gegenüber zuerst als “multidimensionalen” Menschen anerkennt, bevor man dessen Argumente kritisiert. Besonders bei Wertedebatten sei eine offene Herangehensweise und Vielfalt von Meinungen (z. B. in Bürger*innenräten) von großer Bedeutung.

Empfehlungen für Studierende

Bächtiger empfiehlt Studierenden, gezielt Angebote und Veranstaltungen wahrzunehmen, etwa von der Landeszentrale für politische Bildung oder universitäre Formate, und sich durch öffentlich-rechtliche Medien oder Qualitätsmedien zu informieren. Politisches Engagement kann zudem in Parteien oder durch Aktivismus gelebt werden. Sein Rat: Aktiv Orte aufsuchen, an denen man Demokratie unmittelbar spüren und miterleben kann.

 

Anietta

Infos der Bundeszentrale für politische Bildung

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