Bring the action: Poetry Slam im Keller Klub

Word up! Der große Dichterwettstreit Copyright: Herzschlag / photocase.de
Word up! Der große Dichterwettstreit
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Neben dem täglichen „Uniwahnsinn“ lohnt es sich, auch einmal einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen und sich die kulturellen Events in und um Stuttgart zu Gemüte zu führen. Dieses Mal lasse ich euch an einem Poetry Slam teilhaben, der am 17. Mai im Keller Klub stattfand. Vorab: Es war ein gelungener Abend!

Bereits eine halbe Stunde vor Einlass bildete sich eine lange Warteschlange vor dem Eingang. Das Publikum, vorwiegend in der Altersgruppe zwischen zwanzig und dreißig, ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Gelassenheit und Vorfreude zeichnete sich auf den meisten Gesichtern ab.

Unter der Moderation von Thomas Geyer fand die Veranstaltung im Keller Klub unter dem Titel „Poeten im Wortrausch“ statt, wie jeden dritten Sonntag im Monat (derzeit ist jedoch Sommerpause). Es ist mittlerweile 20.00 Uhr, der Abend kann also beginnen, aber wie so häufig dauert es etwas länger, bis die Veranstaltung in Gang kommt. Ich nutze also die Gelegenheit, um einige Leute aus dem Publikum zu ihren bisherigen Slam-Erfahrungen und Erlebnissen zu befragen.

Was das Publikum erwartet

Maren und Amelie, beide Anfang zwanzig, sind seit einigen Jahren regelmäßig auf Poetry Slam-Events. Sie erhoffen sich auch dieses Mal eine gute Unterhaltung und freuen sich vor allem auf den Auftritt von Sulaiman Masomi. Ihrer Erfahrung nach ist es bedauernswert, dass die Jurywertung vor allem vom Unterhaltungscharakter der einzelnen SlammerInnen abhängig ist und dabei den Inhalt der Beiträge weitgehend unberücksichtigt lässt. Das gelte im Besonderen für politische Themen.

Zwei weitere Zuhörer, Daniel und Julian, ebenfalls Anfang zwanzig, freuen sich auf zahlreiche spannende Themen, wie etwa die Islamisierung. Durch die bekannte Plattform Youtube sind sie das erste Mal auf eine Veranstaltung dieser Art gestoßen, was sie letztendlich dazu bewogen hat, die aufgenommenen Performances live und hautnah zu erleben. Von den SlammerInnen erwarten sie vor allem neue Perspektiven sowie das humoristische Verhandeln von Themen aus dem eigenen Alltag.

Die musikalische Unterstützung für den Abend liefert Stefan Ebert aus Mannheim. Er singt auf Deutsch und spielt dazu Gitarre, hängt sich voller Leidenschaft in seine Songs hinein und zaubert mit seinen Texten dem(der) einen oder anderen ein Lächeln (oder breites Grinsen) ins Gesicht.

How to slam

Eingangs werden die drei goldenen Slam-Regeln bekannt gegeben: Die Beiträge bzw. Texte der Slammerinnen und Slammer müssen selbstgeschrieben sein, sie haben insgesamt sechs Minuten Zeit, ihre Performance abzuliefern und es dürfen dabei weder Requisiten noch Musikinstrumente verwendet werden. Die Jury setzt sich aus fünf Publikumsmitgliedern zusammen und wird ihrerseits bewertet – und zwar durch das übrige Publikum: In Form von zustimmendem Applaus oder lautstarken Unmutsbekundungen, wie etwa Buhrufen. Und einen Preis gibt es selbstverständlich auch zu gewinnen: Neben immerwährendem Ruhm warten eine Feldflasche zum Umhängen, ein kleines solarbetriebenes Radio sowie ein Scherzartikel auf den  Gewinner.

Insgesamt sind drei Slammerinnen und sechs Slammer am Start. Den Auftakt bildet Ansgar Hufnagel aus Stuttgart mit seinem Beitrag: „Wann ist ein Mensch ein Mensch?“ Wie schon so oft erlebt, heißt der erste Beitrag des Abends nicht umsonst Opferbeitrag, denn Höchstpunktzahlen werden – völlig unabhängig von der Qualität des Beitrags – schon aus Prinzip nicht vergeben, da jegliche Vergleichswerte zu anderen Performances fehlen. Zu niedrige Punkte werden aus demselben Grund vermieden. Und außerdem: Objektiv fällt die Bewertung der Beiträge ohnehin nicht aus, wie sich bald zeigen wird. Die Jurymitglieder halten sich mit ihrer Bewertung zurück, um das Publikum nicht zu verstimmen und das Publikum seinerseits reagiert eher verhalten, sowohl bei positiven als auch bei negativen Bekundungen. Es dauert eine Weile, bis das Publikum aufgetaut ist und seiner Meinung entsprechenden Ausdruck verleiht. Dafür dann aber richtig!

Die Stars des Abends im Schnelldurchlauf

Ansgar Hufnagel thematisiert mit der Frage danach, wann ein Mensch ein Mensch ist, mehrere Deutungsmöglichkeiten. So stellt er in den Raum, ob es sich bei Rassisten etwa um Menschen handelt oder Fanatikern jedweder Couleur. Zudem fragt er nach den Ursachen und den Gründen für Kriege und Gewalttätigkeiten, bei denen es nur Verlierer auf jeder Seite geben kann. Er appelliert an den Menschen, der verletzlich ist und liebt, beschwört dabei positive Bilder anstelle von Feindbildern. Er schließt seinen Beitrag damit, dass der Frieden bei jedem und jeder Einzelnen beginnt.

Während der Pause haben die ZuhörerInnen und ZuschauerInnen die Gelegenheit, ihre Eindrücke auszutauschen.
Während der Pause haben die ZuhörerInnen und ZuschauerInnen die Gelegenheit, ihre Eindrücke auszutauschen.

Der zweite Slammer, Stefan Unser, wendet sich in ironisch-belustigender Weise in seinem Beitrag der alltäglichen schlechten Laune in den Gesichtern der Menschen zu, in denen sich Unzufriedenheit und Enttäuschung spiegelt. Vor allem in U- und S-Bahnen sei dieser Gesichtsausdruck häufig anzutreffen. Sein Lösungsvorschlag besteht darin, sich am Alltäglichen zu erfreuen. Sehr bald zeigt sich bei diesem Beitrag, dass das Publikum die größte Resonanz auf thematisch leichte – böse Zungen könnten sagen, seichte – Unterhaltung liefert und vor allem den Unterhaltungswert der SlammerInnen positiv beurteilt. Die vergebenen Punkte sprechen hier eine klare Sprache.

Der dritte Slammer heißt Hinnerk Köhn. Er lädt das Publikum in seinem Beitrag zu einem netten Pläuschchen mit Petrus ein, nachdem er unmittelbar zuvor von einem rasenden Audi-Fahrer bei grüner Ampel vom Diesseits ins Jenseits befördert worden ist. Petrus agiert als sadistisch veranlagter, tendenziell unmotivierter Sachbearbeiter Gottes in spiritu sancti, der sich des Falls Hinnerk angenommen hat. Petrus lässt dessen Leben in HD-Qualität über den Bildschirm flackern, er raucht, trinkt und pflegt getreulich das Motto, „was der Herr nicht weiß, macht ihn nicht heiß“. Es stellt sich heraus, dass die Weste des Protagonisten zwar keineswegs blütenweiß ist, jedoch sauber genug, um zurück ins Diesseits geschickt zu werden. Den Schluss bildet die Feststellung, dass der Protagonist mit Mitte dreißig an Krebs verstirbt. Die Ironie des Schicksals lässt grüßen. Hinnerk erhält für seinen parodistischen Beitrag entsprechend Beifall und viele Lacher.

Der vierte Beitrag stammt von Julius Keinert aus Stuttgart und heißt „Wortrebellen“. In seinem Beitrag widmet er sich der Schwärmerei für ein gleichaltriges Mädchen, das er zu Beginn in den höchsten Tönen lobt. Schlagartig kippt die Stimmung und er beginnt, besagtes Mädchen unvermittelt zu beschimpfen. Den Auslöser dafür bildet zugleich auch der Schluss des Beitrags: Die Angebetete hat auf seine Whatsapp-Nachricht nicht geantwortet. Dann aber doch und alles ist gut. Oder so ähnlich.

Der fünfte Beitrag stammt von einer Slammerin namens Merald Ziegel aus Konstanz, die immer wieder Rap-Passagen in ihren Vortrag einbindet. Sie kritisiert darin die „Mediengeilheit“ anhand unzähliger vor- und nachmittäglicher TV-Formate (und Konsorten) und die Sorglosigkeit im Umgang mit Medien im Allgemeinen.

Der sechste Beitrag wird von Sulaiman Masomi aus Köln geliefert, der den allmählichen „Untergang des Abendlandes“ skizziert, natürlich in gewohnt kritisch-ironischer Weise. Er verfolgt dabei die Hypothese, dass eine zunehmende Islamisierung stattfindet und belegt diese anhand zahlreicher Beispiele. Darauf verweist auch der Titel der Veranstaltung, den er kurzerhand zu „Poetr-Islam“ umdeutet, um seine These zu untermauern. Sulaiman kritisiert die Islamfeindlichkeit, führt sie ab adsurdum und zieht sie in unzähligen Beispielen ins Lächerliche. Das Publikum ist direkt begeistert und lauscht gebannt, was sich in entsprechend hohen Punktzahlen niederschlägt.

Und hier sind alle SlammerInnen gemeinsam mit dem Moderator Thomas Geyer sowie dem Musiker Stefan Ebert auf der Bühne.
Und hier sind alle SlammerInnen gemeinsam mit dem Moderator Thomas Geyer sowie dem Musiker Stefan Ebert auf der Bühne.

Die siebte Slammerin heißt Tomna und stammt aus Singen. Ihr Beitrag lautet „Wenn ich träume“ und hat einen unmittelbaren Bezug zum Tag gegen Homophobie, der ebenfalls auf den 17.05.2015 fällt. Darin greift sie die Geschlechterklischees in der Erziehung von Jungen und Mädchen auf und spricht sich gegen das Denken und Einteilen in Kategorien aus. Sie ist nicht bereit, sich für Normen und Erwartungen zu verbiegen und formuliert die Hoffnung, dass sich ihr Traum von einer friedlichen Welt realisieren lässt.

Rainer Hold ist der achte Performer. Sein Beitrag lautet „Dasein“ und beschäftigt sich mit Achtsamkeit, die in extremem Kontrast zur hektischen Realität steht. Er parodiert das Prinzip der Achtsamkeit, die zumindest an seiner Realität vorbeigeht.

Die neunte und letzte Slammerin des Abends ist Eva Steppkes aus Mainz bzw. Stuttgart. Sie liefert dem Publikum ein Selbstporträt und setzt sich damit auseinander, ob und wann sie als Person entsteht – nämlich erst durch das bzw. ein Gegenüber, durch ein Kollektiv, das sie wahrnimmt, beurteilt und reflektiert. Sie möchte „sein“, jenseits der täglichen Masken und Maskeraden.

And the winner is…

Die drei Finalisten mit der Höchstpunktzahl sind Hinnerk, Sulaiman und Rainer. Sulaiman Masomi setzt sich mit seinem zweiten Beitrag durch, in dem es um ihn und zwei Freunde namens Vitali und Sergej geht, die sich beim Versuch eines Klamottendiebstahls gegen eine zuvor provozierte Horde Nazis zur Wehr setzen müssen. Massive Flatulenzen schlagen die Nazis schließlich in die Flucht. Und wen sie nicht in die Flucht geschlagen haben, der fiel angesichts diverser Gase in Ohnmacht.

Der Humor siegt letztendlich und das nicht nur inhaltlich in Sulaimans Beitrag. Ein bisschen Humor hat noch niemandem geschadet und gelacht werden kann nicht genug. Ihr wollt beim nächsten Event dabei sein? Wunderbar! Hier findet ihr eine Übersicht über die kommenden Veranstaltungen.

Romy

Liebt Literatur und Psychologie. Hat einen Master in Germanistik und studiert Psychologie im Zweitstudium, um beide Leidenschaften zu vereinen. "Das Leben ist wert, gelebt zu werden, sagt die Kunst, die schönste Verführerin; das Leben ist wert, erkannt zu werden, sagt die Wissenschaft." (F. W. Nietzsche)

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