Leistungsdruck im Studium: Ein hartnäckiger Mythos?

Wenn der Druck im Studium zunimmt.
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Immer häufiger wird über Studierende berichtet, die über Erschöpfung klagen, das Arbeitspensum im Studium nicht mehr bewältigen können und dadurch ihren Studienabschluss entweder verzögern oder ihr Studium sogar ganz abbrechen, um dem wachsenden Druck zu entgehen. Geraten Studierende zunehmend unter Druck? Wie viel ist dran an der Behauptung, dass das Studium Studierende zunehmend mehr stresst? Im heutigen Beitrag erzählt Lisa* von ihren Erfahrungen im Studium und wie sie mit dem Leistungsdruck klargekommen ist.

Am Anfang ihres Studiums fiel Lisa (24) alles leicht. Sie jobbte zwischen dem abgeschlossenen Abitur und dem Studienbeginn in der Gastronomie, um sich ein kleines finanzielles Polster aufzubauen. Auf BAföG alleine wollte sie sich nicht verlassen, denn ihre Eltern verdienten gerade so gut, dass sie etwa 100 bis 120 Euro monatlich bekommen würde. Ziemlich schnell war klar, dass ein Nebenjob her musste, um Miete, Lebensmittel und natürlich das Studium selbst zu finanzieren. Sie hatte sich das Ganze als durchaus machbar vorgestellt, merkte aber bereits nach wenigen Wochen, dass der Spagat zwischen Uni, Lernen und Nebenjob sie nach und nach zermürbte. Zuerst schob sie ihre Erschöpfung auf die Umstellung, wie viele andere ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen.

Kaffee zum Wachwerden? Nur in Maßen.
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Und tatsächlich ließ der Druck in den Semesterferien etwas nach, aber hatte sie im nächsten Semester dann völlig im Griff, ganz egal, ob sie gerade in der Bahn saß, zu Hause kochte oder sich mit ihren Freundinnen traf. „Es lässt sich am besten mit dem Gefühl beschreiben, niemals wirklich fertig zu werden. Auch wenn ich jede Vorlesung vor- und nachbereitet habe, irgendetwas gab es immer noch zu tun, irgendeinen einen weiteren Text zu lesen, Übungsaufgaben zu bearbeiten oder Präsentationen vorzubereiten. Es war zum Verrücktwerden“, sagt sie und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. Sie hat immer weniger geschlafen, um ihren gefühlten – und realen – To-do-Berg abzuarbeiten, wurde dabei immer unkonzentrierter und trank wahlweise literweise Kaffee, mehrere Energy Drinks am Tag oder warf Koffein-Tabletten aus der Apotheke ein. An manchen Abenden fühlte sie sich so kaputt, dass sie wegen vermeintlichen Nichtigkeiten in Tränen ausbrach.

Irgendwann streikte ihr Körper gegen den andauernden Stress: Sie klappte auf dem Weg zur Uni zusammen. „Das war für mich ein Wendepunkt“, sagt sie heute. „Zuerst habe ich nicht begriffen, wieso mein Körper so reagiert hat. Mit Stress und Druck habe ich das vorher nicht in Verbindung gebracht. Immerhin bin ich nicht die Einzige, die zur Uni geht und nebenbei jobbt.“ Wenn sie jetzt darüber nachdenkt, wird ihr klar, dass sie sich selbst etwas vorgemacht hat. Dabei war es weniger die tatsächliche Belastung, die sie an ihre Grenzen gebracht hat, sondern vielmehr der Druck, den sie sich zum Teil selbst gemacht hat und der zum Teil durch die Studiensituation von Bachelorstudierenden bedingt ist.

Leistungsdruck: Wer ist betroffen?

Leistungsdruck hat viele Gesichter – und noch mehr Ursachen. Ein Teil des Drucks rührt daher, dass beinahe jede einzelne Note in die Bewertung einfließt und am Ende des Bachelorstudiums darüber entscheiden kann, ob es zum Masterstudium reicht, ob Wartesemester eingeplant werden müssen oder man sich vorerst mit dem Bachelor begnügen muss. Je nach Studiengang ist es allerdings zwingend erforderlich, einen Master zu absolvieren, um den angestrebten Beruf tatsächlich ausüben zu können.

Wenn alles zu viel wird.
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Das fördert nicht nur Leistungsdruck, sondern auch den Konkurrenzkampf von Studierenden und wird in einigen Studiengängen bis an die Spitze getrieben: Es kommt zu unschönen bis hin zu strafbaren Aktionen wie dem Verstecken von wichtiger Literatur in der Bibliothek, dem Schwärzen oder Herausreißen von Seiten – oder dem bewussten Nichtkommunizieren von wichtigen Informationen. Gegenseitige Unterstützung? Fehlanzeige. Jede und jeder ist sich selbst am nächsten. Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Man kann nämlich auch einen völlig gegensätzlichen Prozess beobachten: Studierende rücken enger zusammen, verteilen Infos unter der Hand, bilden Lerngruppen und sind bemüht darum, alle Beteiligten mit guten bis sehr guten Noten durch das Studium zu bringen.

Ein weiterer Aspekt hängt mit hohen Erwartungen zusammen: Den eigenen und denen des Umfelds. Der Run auf die Universitäten ist groß: Immer mehr Schülerinnen und Schüler legen das Abitur ab und nehmen ein Studium auf. Es entsteht die trügerische Illusion, dass nur ein Hochschulabschluss a) angemessen und b) der einzig richtige Weg ist. Das Umfeld spielt dabei oft eine wesentliche Rolle, denn auch wenn gegenwärtig ein Maximum an Möglichkeiten besteht, wird implizit dennoch gefordert, einen möglichst schnellen, effizienten und geradlinigen Lebenslauf vorweisen zu können. Davon hängt unter anderem schließlich auch die BAföG-Förderung ab: Wer bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht die entsprechenden Leistungsnachweise erbringen kann, wird nicht mehr gefördert.

Was hilft gegen Leistungsdruck?

Wenn alles zu viel ist, hilft nur noch eins: Abschalten.
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Neben jedem Studium – ganz gleich, wie zeitintensiv es auch sein mag – bedarf es eines Ausgleichs. Das können die eigene Familie, ein unterstützendes soziales Netzwerk, Hobbys oder ehrenamtliche Tätigkeiten sein, aus denen ihr Befriedigung und Energie bezieht. Wichtig ist nur, dass das Studium nicht der einzige Bereich ist, aus dem ihr positive Erfahrungen schöpft. Zum Abschalten eignet sich auch ein als wenig stressreich empfundener Nebenjob.

Dabei geht es keinesfalls darum, euch in einem weiteren Bereich exzessiv zu „optimieren“, sondern in erster Linie darum, ein Gleichgewicht zu schaffen, das euch die Möglichkeit gibt, eure Reserven wieder aufzufüllen.

Wenn alles zu viel ist

Wenn ihr euch in einer scheinbar ausweglosen Lage befindet und eure üblichen Strategien nicht mehr greifen, dann wird es höchste Zeit, die Bremse anzuziehen und einen Gang herunter zu schalten. Dafür solltet ihr zuerst einmal eure Lage scannen: Woher kommt der Druck? Ist er hausgemacht (zu hohe eigene Erwartungen, familiärer Druck), sind es die Anforderung des Studiums (anstehende Prüfungen, drohende Exmatrikulation oder Ähnliches) oder handelt es sich um existenziellen Druck (Unterhalt, Kosten fürs Studium)? Oder aber eine Mischung aus allen dreien? Folgende Notfalllösungen stehen euch dazu zur Verfügung:

  1. Reduziert in Absprache mit der Fachstudienberatung eure Kurszahl bzw. die Anzahl eurer Vorlesungen. Meldet euch nur zu den Prüfungen an, die obligatorisch für den Fortbestand eures Studiums sind.
  2. Beantragt ein Urlaubssemester, anstatt gleich das Studium abzubrechen (als Ultima Ratio).
  3. Wechselt den Studiengang, wenn ihr feststellt, dass ihr mit dem jetzigen nicht zurechtkommt – aber tut es nicht unüberlegt, sondern setzt euch vorher mit der Studienberatung zusammen und lasst euch eure Alternativen aufzeigen.

Lisas Tipp: Es gar nicht erst soweit kommen lassen, d. h. die Warnzeichen des eigenen Körpers ernst nehmen, sich bewusste Pausen zu gönnen und vor allem: Immer wieder daran erinnern, dass es auch ein Leben neben dem Studium gibt.

Alles Gute für euch!

Romy

*Name geändert

PS: Auch hier noch einmal die Erinnerung daran, dass ihr euch stets an die psychotherapeutische Beratungsstelle wenden könnt, deren Angebot allen Studierenden in Stuttgart, Esslingen, Göppingen und Ludwigsburg offensteht. Einen ausführlichen Artikel darüber findet ihr unter folgendem Link:

Sorgen im Studium: Die psychologische Beratung an der Universität Stuttgart

Ich bin Romy, 30 Jahre alt und studiere Psychologie, meine zweite große Leidenschaft neben der Literatur. Mein Erststudium habe ich mit dem Master in "Literaturwissenschaft: Germanistik" abgeschlossen. Herzliche Grüße an alle Mitstudierenden! PS: Wir lesen uns.

4 thoughts on “Leistungsdruck im Studium: Ein hartnäckiger Mythos?

  1. Marie sagt:

    Ich persönlich hatte keine Probleme, irgendwie lief es einfach. Vielleicht hatte ich auch einfach nur Glück. Ich habe nie wieder so viel gefeiert wie in dieser Zeit, und es trotzdem ganz passabel geschafft. Also es kann auch mal anders laufen. Ich kann dennoch „Anonym“ sehr gut verstehen. Es ging einigen Kommilitonen auch so.

    1. Romy sagt:

      Hallo Marie,

      danke auch für deinen Eindruck vom Studium. Jeder Student und jede Studentin ist unterschiedlich; unterschiedlich belastbar (und vorbelastet), hat einen unterschiedlichen Hintergrund und studiert nicht unbedingt dasselbe. Natürlich ist es klasse, wenn im Studium alles reibungslos verläuft. Das ist – wie du ja schon selbst angemerkt hast – aber nicht unbedingt die Regel.

      Deshalb finde ich es wichtig, dass Studierende, bei denen das nicht der Fall ist, genauso zu Wort kommen, wie diejenigen, bei denen es „läuft“. Besonders Erstere verschweigen ihre Schwierigkeiten lange Zeit, bevor sie sich und anderen gegenüber eingestehen können, wie es wirklich bei ihnen aussieht. Und dann noch einen Schritt weiterzugehen und sich Hilfe zu suchen, ist ziemlich mutig.
      Ich wünsche dir weiterhin alles Gute.

      Liebe Grüße,
      Romy

  2. Anonym sagt:

    Ich war in diesem Studium schon so weit, dass ich gar nicht mehr wollte. Also nicht nur mit dem Studieren aufhören, sondern auch mit dem Leben. Psychologische Hilfe? Im Lehramtsstudium – wenn man verbeamtet werden möchte?!? Kurz mal gelacht-geht nämlich nicht, denn man gilt dann ja als psychisch nicht für eine Verbeamtung geeignet.
    Mit daran Schuld sind sicherlich die oben genannten Gründe, aber ehrlich gesagt auch die wirklich mangelhafte Uniorganisation und in den entscheiden Momenten auch das nicht vorhandene Verständnis der verantwortlichen Organisatoren.
    Ja ich mache mein Studium fertig. Faktisch waren es beruflich die bisher 5 schlimmsten Jahre meines Lebens, die ich ohne Hilfe meiner Familie und Freunde nie herum gebracht hätte. Nach dieser Erfahrung kann ich wirklich niemandem empfehlen zu studieren und ehrlich gesagt gleich doppelt nicht an der Uni Stuttgart.

    1. Romy sagt:

      Liebe/r Anonym,

      ich kann deine Situation wirklich gut nachvollziehen. Wenn man im Hinterkopf die Verbeamtung hat, fällt es einem selbstverständlich nicht leicht, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen – auch wenn man sie dringend benötigt.

      Ich habe eine Weile recherchiert und dazu folgende Informationen gefunden: Eine vorangegangene Psychotherapie darf nicht zum Ausschlusskriterium der Verbeamtung werden, wenn nicht feststeht, dass es zu „regelmäßigen Krankheitsausfällen und vorzeitiger Dienstunfähigkeit“ kommen wird (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 30.10.2013). Hast du das gewusst (oder wolltest du dich darauf nicht verlassen)?

      Dass du dich insbesondere von der Universität Stuttgart im Stich gelassen gefühlt hast, tut mir sehr leid. Möchtest du dich dazu vielleicht noch konkreter äußern? Gerne auch weiterhin anonym.

      Liebe Grüße,
      Romy

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