Mit oder ohne?

Welchen messbaren Einfluss hat es auf meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn ich auf dem Bewerbungsfoto ein Kopftuch trage? Gibt es Studienabschlüsse, mit denen kopftuchtragende Frauen mehr Chancen bei der Bewerbung habe als mit anderen? Wie können wir der Arbeitswelt zu mehr Offenheit bezüglich kopftuchtragender Frauen verhelfen?

Sara Sahin

Sara Sahin (links) mit Unterstützung von Bayan Khatib (rechts).

Solche und andere spannende Fragen warf Sara Sahin von der With-or-Without-Kampagne am Dienstag, den 17. April im Rahmen eines Gastvortrages bei der Islamwoche an der Universität Stuttgart auf. Die Islamwoche wurde zum 21. Mal von der Hochschulgruppe Muslimische Studierendenunion (MSU) an der Universität in Stuttgart veranstaltet. Für dieses Jahr organisierten sie auf dem Campus Vaihingen verschiedene Vorträge, die Berührungspunkte zwischen muslimischer und deutscher Kultur thematisierten. Zusätzlich konnten sich eine Reihe an thematisch verwandter Projekte und Kampagnen präsentieren.

Die Kollegen und Kolleginnen von morgen ansprechen

„Unser Ziel ist, den Dialog zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Studierenden zu fördern.“, erklärte Ismail Khan, der neue Vorsitzende der MSU. „Unsere Generation will auf andere zugehen. Wir möchten den Dialog fördern und Aufklärung betreiben.“ Dies sei besonders wichtig, da im Hörsaal von heute die Kollegen und Kolleginnen von morgen säßen. So soll ihre Veranstaltung dabei helfen, bereits während der Studienzeit die Basis für ein angenehmes und entspanntes Verhältnis in der späteren gemeinsamen Arbeitswelt zu schaffen.

Stand RIA

Nach dem Vortrag konnte man sich beispielsweise über das RIA-Festival mit Thema der Religion und Idenität informieren.

Verantwortlich für den Ablauf der Islamwoche waren neben dem Vorstand der MSU auch mehr als dreißig Helfer und Helferinnen, die im Hintergrund der Veranstaltung planten und ausführten. Die diesjährigen Vortragenden wurden vorab von der Muslimischen Studierendenunion anhand einer Themenliste ausgewählt. Neben Sara Sahin sprachen Emre Akyel zum Thema des islamischen Finanzwesens, Ferid Heider zu islamischen Werten in der postmodernen Gesellschaft, sowie Reuf Jasarevic, der über den möglichen Einfluss der islamischen Lehre auf ein erfolgreiches Leben referierte. Das Tragen eines Kopftuchs in der Arbeitswelt wurde dieses Jahr zum ersten Mal im Rahmen eines Gastvortrages thematisiert.

„Es ist keine Opferrolle, in die man sich drängt.“

Sahin stellte Studien zu dem Anteil der kopftuchtragenden, muslimischen Frauen, ihrer Erwerbstätigkeit und der Akzeptanz des Kopftuchs in der deutschen Gesellschaft vor. Besonders eindrücklich gestaltete sich eine Studie, bei der Bewerbungsunterlagen mit fiktiven Personen, die identische akademischen Hintergründe, aber unterschiedliche Bewerbungsfotos (einmal mit, einmal ohne Kopftuch) und unterschiedlichen Namensangaben (einmal inländisch klingend, einmal ausländisch klingend) verschickt wurden. Dies führte zu Lasten der kopftuchtragenden fiktiven Persönlichkeiten und derer mit ausländisch klingenden Namen zu einer unterschiedlichen Quote bezüglich der positiven Rückmeldungen.

Diskursrunde

In der anschließenden Diskussionsrunde wird es konkret.

„Es ist also keine Opferrolle, in die man sich drängt.“, resümierte Sahin. Ein Kopftuch und ein ausländisch klingender Name könne noch immer den Bewerbungsprozess erschweren. Dies resultiere unter anderem daraus, dass gesellschaftlich noch keine vollständige Akzeptanz von kopftuchtragenden Frauen bestünde. Aber wie kann man diesem Phänomen angemessen begegnen? „Was fehlt, sind Lösungsansätze.“, so Sahin. Wichtig seien hierfür auch politische Handlungen, die auf Diskriminierung am Arbeitsplatz reagieren. „Schlupflöcher für Arbeitgeber im Gesetz müssen geschlossen werden.“

In der anschließenden Diskussionsrunde richten die Teilnehmenden den Blick auf die Zukunft. „Es gibt viele, die etwas verändern können.“, macht Sahin deutlich. „Wir müssen aktiver werden.“ Auch die Möglichkeit einer Blindbewerbung, das heißt einer Bewerbung ohne beigefügtes Foto, könne kurzfristig zum Erfolg führen. Zum Schluss möchte eine junge Frau noch wissen, ob es für sie unter Anbetracht ihrer späteren Bewerbungschancen überhaupt sinnvoll sei, ein rechtswissenschaftliches Studium zu beginnen. In der Zukunft wolle sie ein Kopftuch tragen und bei anderen Studiengängen wie Informatik sei das Problem der Diskriminierung bei der Arbeitssuche weit weniger stark ausgeprägt. „Du solltest dir jetzt keine Gedanken darüber machen, ob du später einen Job findest.“, antwortet Sahin. Zumindest sollte sie sich keine Gedanken darüber machen müssen.

 

Anna

Ich studiere seit 2014 den abwechslungsreichen Studiengang Philosophie an der Universität Stuttgart und bin dabei sowohl regelmäßig in der Stadtmitte, als auch auf dem Campus Vaihingen unterwegs. Über themenbezogene Kommentare und Fragen zu meinen Artikeln freue ich mich sehr.

One thought on “Mit oder ohne?

  1. Jemand sagt:

    Hallo Anna,

    sei mir bitte nicht böse, weil ich vermutlich unerfreuliche Sachen sagen werde.
    Vielleicht helfen dir meine Worte auch zu verstehen, warum dieses „Problem“ in der Form existiert.

    Ich studiere Ingenieurswesen im Master, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich nur ungern jemanden mit einem Kopftuch einstellen würde. Nicht aus Boshaftigkeit!
    Ich selbst wurde in eine muslimische Familie hineingeboren und mit der damit verbundenen Mentalität erzogen. Wie in dieser Religion/Kultur üblich, habe ich unermesslich viele Verwandte, von denen essentiell jeder ein gläubiger Muslime ist.
    Ich hatte viele Unterhaltungen und bin nach all meinen Jahren auf Erden zu dem traurigen Schluss gekommen, dass diese Menschen blind und ignorant für die humane moderne Welt sind.
    Ich musste miterleben, wie verwandte (nicht einmal volljährige) Mädchen buchstäblich aus dem Haus auf die Straße geworfen wurden, weil diese sich als homosexuell geoutet hatten.

    Ich musste mir von studierten (also vermeintlich gebildeten) Frauen anhören, dass sogar sie selbst die Unterdrückung von Frauen unterstützten. Man möchte meinen, dass die Frauen für mehr Mitspracherecht kämpfen würden, aber überrschanderweise wurde ich angeguckt wie zwei Pfund Quark, als ich diese Idee in einen Raum voller Frauen warf. Da sagt man mir „Ja, wie sollen in einer Beziehung denn Entscheidungen getroffen werden, wenn beide was zu sagen haben?“.
    Es schien für die Damen doch sehr rätselhaft zu sein.

    Ich musste mir von Männern anhören, dass man sich „dumme“ und „ungebildete“ Frauen aus Dörfern suchen solle, damit diese gar nicht erst die Möglichkeit hätten sich in einer Ehe gegen den Mann aufzulehnen, da sie „finanziell abhängig“ wären.

    Es ist wirklich schwer noch Gutes in speziell diesem Teil der Welt zu sehen nach so viel unmittelbarer direkter Erlebnisse.
    Wenn man von den eigenen Eltern gesagt bekommt, dass auch sie Einen ausstoßen würden, würde man sich als homosexuell outen. Herzzerreißend, oder nicht?
    All diese sehr gegenwärtigen Eigenschaften werden aber überraschend erfolgreich NICHT publik gemacht, und wäre ich als Deutscher aufgewachsen, hätte ich sicher ein viel optimistischeres Bild von den Leuten, da mir diese veralteten Umgangsarten nicht so präsent wären.
    Ich bin aus dieser Welt ausgebrochen mit einem starken Sinn nach Kritik, Hinterfragen, Skeptizismus, Scharfsinnigkeit und Offenheit; alles Eigenschaften, die ich leider leider noch bei keinem einzigen Muslimen je entdecken durfte.

    PS: Das ist eine persönliche Erfahrung und kein Aufruf zu irgendwas. Wer in einem Autounfall verwickelt war, entwickelt zwangsläufig eine gewisse Angst vor Verkehrsmitteln. So habe ich einen gewissen Abstand zum Islam entwickelt.
    PPS: Ich bezog mich hier auf in Deutschland lebende Muslime. Viele von Ihnen haben sich sogar die deutsche Staatsangehörigkeit besorgt. Also ja :/ Ich bin davon echt nicht begeistert…

    Ich hoffe, dass du dich grob in mich hineinversetzen kannst.
    Es geht ja im Leben nicht darum blind eine Idee durchzuhauen, sondern ehrlich auf die Fakten und Tatsachen zu sehen, und die „Wahrheit“ möglichst fair und offen zu ergründen.

    Liebe Grüße Anna

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