Katzen, Çay und Hupkonzert

Istanbuler Skyline.

Istanbuler Skyline.

124 Tage – so lange sollte ich ganz auf mich allein gestellt in der Weltmetropole Istanbul (über-)leben. Überwogen nach Erhalt der Zusage der Boǧaziҫi University Vorfreude und Neugierde auf eine neue Erfahrung, nahm mit jedem Tag, den mein Abflug in die Türkei näher rückte, die Nervosität zu. Visum, Wohnung und der ganze Uni-Kram – alles musste organisiert werden und war so ganz anders als in meiner Komfortzone mit den vertrauten Gesichtern und gewohnten Abläufen an der Uni Stuttgart. Worauf hatte ich mich in meiner Unbedarftheit da nur eingelassen? Warum hatte ich nicht den einfachen Weg gewählt und mich für ein „Auslandssemester light“ in Österreich entschieden? Lest davon, wie ich die Tage fernab Stuttgarts verlebte.

 

Why Istanbul?

Wechselhafte Vergangenheit: Kirche, Moschee und nun Museum.

Wechselhafte Vergangenheit: erst Kirche, dann Moschee und nun Museum.

Diese Frage bekam ich sowohl in Deutschland als auch in der Türkei häufig zu hören. Bereits vor einigen Jahren konnte ich ein dreimonatiges Praktikum in Paris absolvieren. Besonders die Möglichkeit, eine Stadt als Bewohner auf Zeit und nicht nur als Tourist kennenzulernen, hatte es mir angetan. Daher war schnell klar, dass es mich auch im Zweitstudium wieder ins Ausland zog. Nur wohin sollte es diesmal gehen? ERASMUS sollte es dort geben, denn zu einer finanziellen Unterstützung von gut 200 € im Monat sagt wohl niemand „Nein“. Als Unterrichtssprache kam für mich nur Englisch in Frage. Und die lokale Kultur sollte sich deutlich von unserer westeuropäischen Lebensweise unterscheiden. So kristallisierte sich Istanbul mit seiner 2.000-jährigen Geschichte als Favorit heraus. Vor Ort merkte ich schnell, dass ich damit nicht alleine war. Hauptsächlich Deutsche, die ebenso wie ich keinerlei persönlichen Bezug zur Türkei hatten, und US-Amerikaner hatten sich an Istanbuls Universitäten verirrt.

Hoş geldin, Sylvia!

So wurde ich von meiner Mitbewohnerin Kübra freudig in Empfang genommen. Dank fleißiger Türkisch-Lektionen verstand ich sie sogleich und konnte ihre Begrüßung ohne Probleme zu „Herzlich Willkommen!“ übersetzen. Auch wenn wir danach hauptsächlich Englisch sprachen, willkommen fühlte ich mich sofort. Das Zimmer, von dem ich mich besorgt gefragt hatte, ob es überhaupt existiert, war da. Wenn auch klein, aber dafür mit einem eigenen Balkon. Kübra und ihr Freund Sami stellten sich schnell als besonders gastfreundliche Türken heraus. Bereits am ersten Abend wurde ich sämtlichen Freunden in der Nachbarschaft vorgestellt. Dabei machte ich allerdings zugleich Bekanntschaft mit einer unangenehmen türkischen Eigenart: Im Vergleich zu Deutschland wird sehr viel weniger Alkohol getrunken, aber dafür umso mehr geraucht. Zu meinem Leidwesen auch in geschlossenen Räumen. Ganz ohne Frage wurde ich auch zum 3-jährigen Geburtstag von Kübras Nichte mitgenommen und dort mit allerlei türkischen Delikatessen bewirtet. In unserer WG wurde es übrigens schnell selbstverständlich, dass Kübra und Sami abends für mich mitkochten. Ich übernahm dafür im Gegenzug den Abwasch. Wie man sieht, trotz großer Sorgen hatte ich es also gut erwischt!

Studentenleben à la turc

Ein wahrgewordener Traum - der universitätseigene Strand

Ein wahrgewordener Traum – der universitätseigene Strand.

Schon bald war die entspannte, von Spaziergängen durch Istanbul geprägte Zeit vorbei und das Semester begann. Zuvor hatte ich es mir aber natürlich nicht nehmen lassen, den universitätseigenen Sandstrand zu besuchen. Manch einer hatte mich gefragt, ob ich nicht eher in einem Hotel als an einer Universität gelandet sei. Innerhalb einer Stunde erreicht man von Istanbul aus die Schwarzmeerküste und den dortigen Außencampus der Boğaziçi University. Die türkischen Studenten verbringen das erste Jahr auf diesem Campus und belegen zur Vorbereitung Englischkurse. Der Zugang zum Strand steht aber allen Studenten offen.

Entspannt auf dem Campus.

Entspannt auf dem Campus.

Das Semester in der Türkei beginnt stressig mit der Registration-Period. Man muss sich am Anfang für sämtliche Kurse online anmelden. Bei nahezu 15.000 Studierenden und gerade einmal 20 bis 30 Plätzen pro Kurs ist es nicht weiter überraschend, dass die Vorlesungen schnell ausgebucht sind. Dann bleibt einem nur noch die Möglichkeit, beim Dozenten persönlich um Aufnahme zu bitten. Aber gerade internationalen Studenten gegenüber sind die Lehrenden ausgesprochen hilfsbereit und so konnte ich fast alle Kurse, wie geplant, besuchen.

 

Aussicht genießen auf dem Weg zum Unterricht.

Aussicht genießen auf dem Weg zum Unterricht.

Kaum ist die erste Hürde genommen, geht es stressig weiter. Anders als in Deutschland gibt es nicht nur eine Klausur am Ende, sondern bereits während des Semesters unzählige Hausaufgaben, Projekte, Midterms und Lab Reports. Eine zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich dabei durch die Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit der Türken, weswegen wir oft bis spätabends über unseren Aufgaben saßen. Da leuchtet es dann auch ein, dass die Bibliothek 24/7 geöffnet ist und man in der Mensa auch Abendessen bekommt. Unpünktlichkeit gehört auch bei den Dozenten zum guten Ton. Um das Chaos zu komplettieren, kann es auch mal vorkommen, dass kurz vor Abgabetermin neue, komplett geänderte Hausaufgaben gestellt werden. Lektion gelernt: Fleiß und rechtzeitige Vorbereitung werden nicht belohnt!

Abgesehen von so manchen Missverständnissen habe ich mich aber mit der Zeit gut eingelebt. Und der Campus ist für Stuttgarter Architektur-Geplagte eine wahre Augenweide!

Unterwegs in Istanbul

Das ist gar nicht so einfach. Nicht nur, dass Istanbul eine riesige Stadt ist, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ist noch mangelhaft. Es gibt gerade mal eine Handvoll U- und S-Bahnen. Stuttgart, ein Dorf im Vergleich zu Istanbul, hat mindestens 4mal so viel Schienenverkehr zu bieten. Als Ausgleich gibt es in Istanbul wirklich viele Busse, aber bei Stau stecken sie halt auch fest und beteiligen sich fleißig am Hupkonzert. In den öffentlichen Verkehrsmitteln kann nicht bar bezahlt werden, sondern nur mit Istanbulkart. Am Buseinstieg gibt es dafür einen Automat, an dem der Betrag direkt abgebucht wird. Deshalb müssen gewöhnlich alle Fahrgäste vorne einsteigen, woran sich auch jeder hält.

Auf dem Weg zur Uni hing ich selbst oft genug in der Rushhour fest. Da ist dann auch der Bus entsprechend voll, ehrlich gesagt ist er so voll, dass in Deutschland der Fahrer aus dem Verkehr gezogen würde. Wenn vorne keine Fahrgäste mehr einsteigen können, öffnet der Fahrer die hinteren Türen, damit sich dort noch ein paar Leute reinquetschen können. Zu meiner großen Überraschung wird dann aber nicht schwarzgefahren, sondern die Istanbulkarts werden brav nach vorne gereicht, der Betrag abgebucht und anschließend wandern sie wieder durch den Bus zurück. Höflichkeit gehört im Bus ebenfalls dazu, alten Menschen und teilweise auch schwer bepackten Studentinnen werden ganz selbstverständlich Plätze angeboten.

Planet der Katzen

Wenn man zum ersten Mal nach Istanbul kommt, fallen einem gleich die belebten Straßen auf. Allerdings sind es nicht nur Menschen, sondern vor allem Katzen, die das Stadtbild prägen. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass es mehr Katzen als Menschen gibt.

Paradies für Katzenfreunde.

Paradies für Katzenfreunde.

Istanbul wird allerdings nicht von den halb-verhungerten Straßenkatzen bevölkert, sondern von gut genährten und geliebten Tieren. Ich bin der Meinung, die Istanbuler haben ihre Haustiere einfach auf die Straße gesetzt, damit sie keine Katzenklos putzen müssen. Die Katzen werden nämlich fleißig mit Essensresten oder Katzenfutter versorgt und überall stehen Wassernäpfe bereit. An meiner Uni kommt morgens sogar eine Frau, die auf dem Campus Futter verteilt. Es ist einfach wunderbar entspannend, wenn man draußen in der Sonne lernt und auf einmal kommt eine Katze angeschlichen und macht es sich auf dem Schoß gemütlich. So eine Katzenpopulation würde doch auch unseren Stuttgarter Campus aufwerten! Übrigens sind die Katzen sehr schlau und haben wohl alle die Führerscheinprüfung erfolgreich absolviert: Sie laufen niemals über die Straße, wenn gerade ein Auto kommt, sondern warten brav auf eine Lücke im Verkehr.

Standard-Kombination in Istanbul: Katzen und Antike.

Standard-Kombination in Istanbul: Katzen und Antike.

Die Katzenbevölkerung hat allerdings auch ihre negativen Seiten. Diese kleinen Biester sind extrem penetrante Bettler. Kaum hat man sich in einem Restaurant niedergelassen, streichen sie wie hungrige Löwen um den Tisch herum. Man isst mit einer Hand, während die andere unablässig damit beschäftigt ist, die Katzen zu verscheuchen. So kam es dann auch zu einem lustigen Vorfall in der Mensa. Bei mir an der Uni kann man draußen essen, was bei schönem Wetter sehr zu empfehlen ist. Allerdings werden auch dort die Tische von Katzen belagert. Ein Student hatte sein Essenstablett auf den Tisch gestellt und war dann noch einmal weggegangen. Großer Fehler! Als er wieder zurückkam, saß eine Katze auf dem Tisch und mampfte gemütlich seinen Reis.

Kulinarische Versuchungen

Toplage am Bosporus: Ortaköy-Moschee

Toplage am Bosporus: Ortaköy-Moschee.

Als zum Ende meines Aufenthaltes bitterkaltes Winterwetter in Istanbul Einzug hielt, nahm ich mir die Tierwelt zum Vorbild und futterte mir eine Fettschicht an. Was die Kalorienzufuhr angeht, hat man hier mit den zahlreichen süßen und herzhaften Spezialitäten der Türkei gute Karten. Und so fand ich mich dann auch bald im Istanbuler Stadteil Ortaköy, der neben einem reichhaltigen Angebot an Kumpir und Waffeln auch mit einer wunderschönen, barocken Moschee punkten kann, wieder und ließ meinen Gaumen verwöhnen.

Bei Kumpir handelt es sich um eine gefüllte Riesen-Kartoffel. Die gebackenen Kartoffeln werden in der Mitte aufgeschnitten und das Innere mit Butter und Käse vermengt. Zum Füllen stehen dann zahlreiche Zutaten zur Auswahl. Die Bandbreite reicht von Mais, sauren Gurken und Oliven über verschiedene Joghurt-Quarkzubreitungen bis hin zu Couscous oder Suçuk-Wurst.

Winterlicher Waffelgenuss.

Winterlicher Waffelgenuss.

Zum Nachtisch gönnt man sich dann am Besten eine Waffel, die man hier auch direkt auf die Hand erhält. Zunächst werden auf die Waffel verschiedene Schokoladenzubereitungen gestrichen. Anschließend werden geschnittene Früchte darauf gelegt und zu guter Letzt werden Schokostreußel und Nusssplitter darüber gestreut. Eine wahre Kalorienbombe! Dann wird die gesamte Kreation zusammengeklappt und zum Essen in eine Papiertüte gesteckt, was sich allerdings als nicht gerade einfach erwies.

Sonnenuntergang über der Altstadt Istanbuls.

Sonnenuntergang über der Altstadt Istanbuls.

Als Getränk darf natürlich der türkische Schwarztee, Ҫay genannt, nicht fehlen. Den bekommt man in der Türkei übrigens in jeder passenden oder auch ungewöhnlichen Situation. Also nicht nur nach dem Essen im Restaurant, sondern auch in Läden, öffentlichen Ämtern oder den Büros der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Auf der asiatischen Seite in Üsküdar kann man neben einem Ҫay mit etwas Glück auch einen wunderbaren Sonnenuntergang über der Istanbuler Altstadt genießen. Mit dem Bosporus, zahlreichen Schiffen und Möwen vor Augen kann man schon einmal vergessen, dass man sich in einer niemals zur Ruhe kommenden Weltstadt befindet.

Reisefieber

Blick auf die Bibliothek in Ephesos.

Blick auf die Bibliothek in Ephesos.

Nicht nur Istanbul, sondern die gesamte Türkei hat viel Sehenswertes zu bieten. Aus dem Grund hatte ich mir vorgenommen, das Auslandssemester auch zum Reisen zu nutzen. Leider kam es dann doch anders als gedacht: Zwar hatte ich nur an drei Tagen in der Woche Vorlesungen zu besuchen, aber war mit Hausaufgaben und Projekten so ausgelastet, dass ich meine Reisepläne deutlich reduzieren musste. Zweimal bin ich dann aber doch aus Istanbul rausgekommen.

Ein Wochenende verbrachte ich mit Freunden in Izmir, das für viele Türken die schönste Stadt der Türkei ist. Izmir ist tatsächlich vollkommen anders als Istanbul: klare Luft, Sonnenschein, kein Verkehr, Ruhe. Ganz in der Nähe liegt auch die beeindruckende, antike Siedlung Ephesos, der ich ebenfalls einen Besuch abstattete.

Unter Tage

Unter Tage.

Ein anderes Mal schloss ich mich dem Caving Club zu einem Wochenendtrip an. Wild campen und Höhlen erkunden – das klang spannend! Ausgerüstet mit Helmen, Anzügen und Gummistiefeln ging es dann tatsächlich unter die Erde und damit auch recht schnell ins eiskalte Wasser. Weitere Herausforderungen sollten schon bald folgen. Es wurde über wacklige Felsen geklettert. Und als wir uns ungefähr 3m durch eine ziemlich schmale Felsspalte schlängeln mussten, wurde mir etwas klaustrophobisch zumute. Aber Fledermäuse und Tropfsteine, die uns auf dem Weg begleiteten, entschädigten mich für die Strapazen. Das Glitzern der Wassertropfen auf den Tropfsteinen, in der nur durch unsere Lampen erleuchteten Höhle, war wirklich einmalig!

Wen nun selbst das Fernweh packt, beim Internationalen Zentrum gibt es viele Infos zu Studium und Praktikum im Ausland!

Sylvia

 


 

Interview mit der Autorin bei horads 88,6 im Campusmagazin der Uni Stuttgart:

 

 


 

neugierig, unternehmenslustig und vielseitig – da überrascht es nicht, dass ich mich nach einem abgeschlossenen BWL-Studium dem Maschinenbau zugewandt habe. Damit Langeweile erst gar nicht aufkommt, gehören auch Stationen im Ausland zu meinen persönlichen Bildungsplan. Das lässt sich wunderbar mit meiner Leidenschaft für Fremdsprachen verknüpfen. An der Uni engagiere ich mich als interkulturelle Mentorin, bin als Hiwi und Werkstudentin tätig. Also, Abwechslung gibt es bei mir genug!

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